Säkularisierung
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Fecisti nos ad Te,
Et inquietum est cor nostrum
Donec requiescat in Te

Augustinus

Als Zarathustra aber allein war,
sprach er also zu seinem Herzen:
„Sollte es denn möglich sein!
Dieser alte Heilige hat in seinem
Walde noch nichts davon gehört,
dass Gott tot ist !“

Nietzsche

Gott ist tot!

Nietzsche

Nietzsche ist tot

Gott

(Graffito)

Abstract:

Der Text behandelt die Phänomene Religion und Säkularität und den Übergang zwischen ihnen: die Säkularisierung. Diese wird in ihrem Verlauf beschrieben, die einzelnen Stufen dabei werden systematisiert. Als Ursache dieses zuerst nur in Europa stattfindenden Prozesses wird festgestellt: die Schaffung und Interaktion eines neuen kulturellen Sinn- bzw. Weltanschauungssystems, der Aufklärung (mit dem Inhalt: menschliches Glück ist eher ein kleines Glück, innerweltlich zu definieren, dafür aber vom Menschen selbständig und ohne Hilfe durch höhere Wesen zu machen), die als Denk- und Verhaltensrahmen der Gesellschaft schrittweise etabliert wird, mit einzelnen schon immer verweltlichend wirkenden Faktoren, die aber in früheren Gesellschaften ohne diesen Denkrahmen immer wieder von Religion(bzw. den Gegenpolen der Faktoren) zurückgeholt wurden. Auch die Aufklärung allein konnte sich noch nicht durchsetzen, die Romantik bot ihr bis zu Anfang des 20. Jahrhunderts Paroli. Erst die Radikalisierung durch die weltlichen und aggressiv antireligiösen Ideologien von Kommunismus und Nationalsozialismus, der neue Schub durch die 68er Bewegung, der sich anschließende Postmodernismus und die Wohlfahrtstaatsideologie zusammen bewirkten dauerhafte Säkularisierung.

Ermöglicht und beschleunigt wird dieser Prozess durch die Religion selbst: Teile von ihr nehmen die weltlichen Ideen auf, verstehen sie als eigentliche Religion und zersetzen so die echte Religion. Dieses Verhalten wird als Selbstsäkularisierung bezeichnet und es werden seine Ursachen und Motivationen analysiert. Empirisch kann nachgewiesen werden, dass Religionen oder Teilgruppen von ihnen, die sich der Welt öffnen, schneller der Säkularisierung anheim fallen als diejenigen, die sich abgrenzen.

Danach wird versucht, zu verstehen, wie sich das Sinnsystem Aufklärung – nur im christlichen Abendland – entwickeln konnte, -durch eine erste Selbstsäkularisierung im Zusammenspiel der menschlichen Verhaltensdispositionen zur Aufwertung von Mensch und Welt mit der von Max Weber so genannten Entzauberung der Welt, grundgelegt in der Reformation.

Im letzten Teil wird versucht, aus diesem Faktenwissen Anwendungsmöglichkeiten für den täglichen Kampf der Gläubigen gegen säkularisierende Einflüsse, die sie von ihrem Glauben abbringen wollen, oder für die Verbreitung des Glaubens in einer säkularisierten Welt zu entwickeln – hoffentlich in Interaktion mit dem geballten Wissen des Netzwerks.

Inhalt:

  • Vorbemerkung
  • Einführung

1. Grundlegung

2a)Säkularisierung: Beschreibung, systematisch 2b)Säkularisierung: Zusammenhänge, empirisch

2c)okzidentale Säkularisierung: Erklärungen

3. Selbstsäkularisierung

4. Anwendung

5. Anmerkungen

Vorbemerkung

Der hauptsächliche Sinn des Textes ist es, als Wissensbasis zu dienen, Material zur informierten Beurteilung des uns alle betreffenden Themas und unserer heutigen kirchlichen Situation bereitzustellen und Anstöße zur Erarbeitung von Strategien zur Bekämpfung von Negativentwicklungen zu geben. In Kapitel 4 werden einige Lehren aus dem bis dorthin Erarbeiteten gezogen. Der Text soll auch die Ausgangsbasis sein für Überlegungen, mit diesem drängenden Problem auf sinnvolle Art und Weise umzugehen. Vielleicht können sich gute Ideen dazu, die wir sehr gut brauchen können, durch kreative Auseinandersetzung mit ihm entwickeln, – im gegenseitigen Austausch im Netzwerk, aus dem vielleicht in einiger Zeit ein neuer Text mit intelligenten Ansätzen zum Widerstand gegen die Säkularisierung entstehen könnte.

Einführung

Religion ist ein wichtiges Element menschlichen Verhaltens(1). Es gab und gibt in der menschlichen Geschichte noch nirgends eine Gesellschaft ohne Religion. Sie unterscheidet unter anderem neben Sprache, Kunst, Philosophie, Komik und Humor den Menschen vom Tier, auch sie macht also den Menschen zum Menschen, ohne sie verfehlt er seine wahre Bestimmung, seine Menschlichkeit.

Menschen scheinen ein grundlegendes Bedürfnis nach „großem Glück“ , nach einem- vor allem in Hochreligionen (in den vor ihnen existierenden Stammesreligionen ist das angestrebte Glück auch immer weit größer als das alltägliche, aber nicht immer so umfassend und total wie hier) – umfassenden und dauerhaften ewig währenden Glück höchster Intensität („Heil“, „Seligkeit“) zu haben, da in der Geschichte immer wieder Phänomene auftauchen, die auf ein solches Bedürfnis hinweisen, gerade auch wenn das herrschende Denken meint, sich mit dem „kleinen Glück“(Kennzeichen: die Möglichkeit für jeden Menschen, es selber zu „machen“, durch eigenes Bemühen zu erreichen; dafür muss es dann eben klein und innerweltlich sein: Konsum, wirtschaftlicher Erfolg, Spaß, Familie, in Teilen auch Gesundheit; Freude an den kleinen Dingen; es ist vorübergehend, vergänglich, nicht besonders intensiv) begnügen zu müssen. Gerade dann tauchen Verabsolutierungen( statt Forderungen nach Sicherheit solche nach absoluter Sicherheit, statt nach Freiheit und Gleichheit nun nach absoluter Freiheit und absoluter Gleichheit) und Radikalisierungen auf: aus Fortschritt wird Fortschrittsglaube, aus Materialismus Gier, aus körperlicher Bewegung Fitnesswahn, aus Wissenschaft Wissenschaftsglaube, aus Zukunftsunsicherheit Weltuntergangsgewissheit, aus dem Bedürfnis nach sozialer Gerechtigkeit oder aus Angst vor Überfremdung entstehen Ideologien, die glauben, die ganze Welt retten zu müssen, das Paradies auf Erden errichten zu können und die dafür Millionen Menschen opfern. Die richtige Variante bei der Suche nach dem großen Glück bietet jedoch die Religion an: es ist erreichbar, aber nicht allein durch menschliche Anstrengung, sondern nur durch die Interaktion mit höheren mächtigen Wesen und es ist keine rein diesseitige Sache.

Obwohl Religion eine grundlegende menschliche Verhaltensweise ist, obwohl sie dem Streben nach Glück die beste Lösung anbietet und obwohl sie zu einem nicht geringen Anteil genetisch bedingt ist (Untersuchungen ergaben eine Erblichkeit von 20 -30 %; zum Vergleich: bei Persönlichkeitseigenschaften wie Extraversion oder Neurotizismus sind es ca. 40 %, bei Konservatismus und Homosexualität wohl etwas weniger, bei Intelligenz sicher mehr als 50 %)(2), ist es doch möglich, ohne sie zu existieren, dabei nicht exzessiv zu leiden und nicht einmal bewusst zu erkennen, dass einem etwas zum wahren Glück und Menschsein fehlt. Säkularisierung – verstanden als eine Entwicklung hin zum Verschwinden religiösen Verhaltens bei Individuen oder aus Gesellschaften – ist möglich, es gab in allen bisherigen Religionen Tendenzen dazu (man müsste sie, da zu diesen Zeiten außerhalb der Religion noch kein säkularer Bereich bestand, eigentlich Selbstsäkularisierung nennen; unten dazu mehr), die allerdings immer wieder „zurückgeholt“ oder zu Randströmungen degradiert wurden – wie beispielsweise der säkulare Humanismus im Konfuzianismus, die „Aufklärung“ und atheistische Philosophie der Griechen, der eigentlich atheistische Ur-Buddhismus, atheistische Strömungen im Hinduismus, der mittelalterliche, in Teilen sehr rationale Islam. Die Menschen reagieren also auf den Verlust der Religion negativ und ablehnend, sie nehmen die Säkularisierung nicht einfach hin, weil sie ihr Bedürfnis nach (kleinem und großem) Glück durch Religion erfüllen möchten und an andere Erfüllungsmöglichkeiten nicht glauben.

Einmal allerdings in der Weltgeschichte gelang es, Säkularisierung auf Dauer zu stellen, gelang es, die Religion in ihrem Einfluss auf Verhalten, Fühlen und Denken des Menschen immer mehr und immer weitgehender unwirksam zu machen, gelang es weitgehend säkulare Gemeinwesen zu erschaffen(in der Tschechei und im Gebiet der ehemaligen DDR glauben, wenn die Umfragen nicht trügen, kaum noch ein Drittel überhaupt an Gott, in Dänemark, Schweden, Bulgarien und Teilen des Baltikums sieht es nicht viel besser aus, auch außereuropäische Regionen sind inzwischen durch Verbreitung abendländischer Säkularität durch den Kommunismus betroffen: Nordkorea, Vietnam und China). Die Rückholung von Religion, die zwischenzeitlich gegen die von der Aufklärung verursachte Säkularisierung vor allem im 19.Jahrhundert durch die Romantik wieder an Boden gewonnen hatte(andere erfolgreiche Rückholungen ereigneten sich in den USA, die ab 1750 immer religiöser wurden; auch die katholische Kirche erlebte bis zum 2. Vatikanischen Konzil Wachstum; zumindest Stabilisierungen erreichten die konservativen Protestanten in den USA und in den Niederlanden; auch im gesamten Westen erstarkte die Religion nach dem von den säkularisierenden Nazis verlorenen Krieg, bis Vatikanum II und die 68er-Bewegung einen neuen Säkularisierungsschub verursachten, der bis heute nicht aufgehört hat, zu wirken), war gegen die konzertierte Aktion von gewalttätiger staatlich organisierter Religionsfeindlichkeit und aggressiver Religionsgegnerschaft der Ideologien von links und rechts ohnmächtig; in Skandinavien und vielen westlichen Staaten trug auch die Attraktivität der Wohlfahrtsstaatsideologie und die Selbstsäkularisierung – s.u. – dazu bei. Der Schaden scheint in den erwähnten Ländern dauerhaft zu sein, die Tradierung, das Lernen von Religion in jeder neuen Generation, wurde vehement und radikal verhindert und nun scheint der Schwellenwert unterschritten, ab dem sich die Religion von diesen Schlägen wieder erholen könnte, zumal die säkularen Ideologien der 68er-Tradition und der Postmoderne immer noch antireligiös wirken.

Die einzig stabile Säkularität gibt es also hier bei uns, die von Max Weber so genannte „okzidentale Rationalisierung“ geschah innerhalb der christlichen Religion, im christlichen Abendland.

Wie das möglich war und ist, das soll im folgenden sowohl systematisch als auch ein wenig historisch(ich bin kein Historiker, allerdings fehlen zur historischen Rekonstruktion auch schlicht gute Daten), sowohl empirisch als auch (mangels zureichender empirischer Forschung) eher spekulativ-theoretisch erklärt werden. Daraus könnten und sollten dann Erkenntnisse erwachsen, die es ermöglichen, Säkularisierungsprozesse in unserer Gesellschaft, innerhalb unserer Kirche, in unseren Gemeinden besser zu verstehen und ihnen dann intelligenten Widerstand entgegensetzen zu können. Ohne diese Erkenntnisse, ohne Wissen über oder zumindest Beschäftigung mit diesem,- mit d e m Problem jeder Kirche, jedes Pfarrers, ja eigentlich jedes gläubigen Menschen, ist Gemeindeaufbau/Gemeindewachstum oder auch nur Stabilisierung gegen weiteres Schrumpfen wie auch Mission kaum sinnvoll möglich.

Natürlich ist dies hier eher ein Appell an alle, ihr Wissen zu diesem Thema mit mir zu teilen und nicht die vermessene Idee, schon ganz genau sagen zu können, was man gegen Glaubensverlust und Verweltlichung tun kann. Natürlich habe ich kein Patentrezept gegen diese negativen Entwicklungen(immerhin aber bieten meine Analysen Material zur grundlegenden Orientierung und zum Weiterdenken an), natürlich sind meine Erkenntnisse noch rudimentär, eben deshalb muss ja darüber – intensiver als bisher -nachgedacht werden, und unsere Netzwerkseite bietet ja Gott sei Dank gerade die Möglichkeit, verstreute Erkenntnisse, Ideen, Argumente, Anmerkungen, Informationen, – Wissen aller Art also – zusammenzubringen und so auch diesen Text immer aufs Neue zu verbessern und der komplexen Realität anzunähern.

1. Grundlegung

Um Säkularisierung zu verstehen, muss man zuerst einmal Religion verstehen. Wissenschaftliches Verstehen braucht Definitionen, jeder soll wissen und nachvollziehen können, was mit den verwendeten Begriffen gemeint ist.

Religiöses Verhalten(darin eingeschlossen ist Denken, Fühlen, Wahrnehmen – alles auch Verhaltensweisen) soll im Folgenden bedeuten eine als übermächtig und mysteriös wahrgenommene/geglaubte/erlebte wesenhafte Hinterwelts-Kraft/Macht durch Submissionsverhalten mit dem Ziel der Glücksproduktion zu beeinflussen(sie als „soziales Werkzeug“ zu nutzen) und/oder sich submissiv an sie zu binden(mit unbewusster Beeinflussungswirkung und Glücksrelevanz) (3) Abzugrenzen von Religion sind Magie, Mystik, Metaphysik, Ideologien und säkulare Ergriffenheit(4), Der Sinn religiösen Verhaltens, seine Glücksrelevanz, ist, Menschen mit „Glücksgütern“(Gesundheit, langes Leben, gute Ernte, passende Partner, viele Kinder, Reichtum, Gerechtigkeit, Macht, Frieden usw. – also Zustände oder Situationen, die grundlegende Bedürfnisse erfüllen und damit Gefühle von Freude, Glück und Zufriedenheit nach sich ziehen oder Unglücksgefühle verhindern) zu versorgen und/oder Glücksgefühle (direkt) zu erzeugen/ zu stabilisieren oder deren Verlust(also Unglück und negative Gefühle) zu verhindern.

Im Zuge der Entwicklung des Menschen entstehen Selbstbewusstsein und die Möglichkeit zu Selbst- und Weltreflexion. Bedürfnisbefriedigung und Glück werden damit zu bewusst angestrebten Zielen. Dabei zeigt sich nun dem Denken des Menschen, dass er viele dieser begehrten Glücksgüter und –zustände nicht selbst erzeugen kann. Gesteigert wird diese Problematik einerseits durch die bewusste Wahrnehmung von Tod, Vergänglichkeit, menschlicher Schwäche, Hilflosigkeit und Ohnmacht, von Unfähigkeit, all die Komplexität der Welt zu erklären oder in ihr einen Sinn zu finden, andererseits durch die Vorstellbarkeit von Ewigkeit und dauerhaftem Glück, von Paradiesen, aber auch von Höllen . Der Wunsch nach großem Glück wird hier ebenso geboren wie das Bewusstsein der Unfähigkeit und Ohnmacht, das eigene Glück selbst zu schaffen oder zu kontrollieren. Die Lösung für dieses bedrängende Problem bestand in der kognitiv-kulturell (durch individuelle Deutung, Erfahrung und Lernen) erzeugten Zusammenführung und Verstärkung der oben als Teile von religiösem Verhalten beschriebenen, wohl teilweise angeborenen, Teil-Verhaltensweisen (Wahrnehmung von Wesenhaftigkeit/Übermächtigkeit, Hinterwelt, Fähigkeit zum Erleben veränderter Bewusstseinszustände, Submissions(bindungs)verhalten, Vertrauen) zum Gesamtverhalten Religiosität, zu einem einheitlichen Verhalten, bei dem der Mensch höhere Wesen braucht, die er zur Befriedigung seiner Bedürfnisse zu beeinflussen sucht. Er erreicht diesen Einfluss durch Submission – Opfer, Gehorsam, Regelbefolgung – einmal eher kalkulierend (wer dem Überlegenen einen Gefallen tut, sich unterwürfig verhält, verpflichtet, ja zwingt ihn dazu, etwas Positives zurückzugeben, er benutzt den Überlegenen als „soziales Werkzeug“), zum andern durch Bindung aus submissiver, eher ängstlicher Motivation, auch reassurance genannt (worauf der Überlegene – hier im Gegensatz zum Werkzeugverhalten – nicht zwangsläufig, aber mit einiger Wahrscheinlichkeit mit positiver Zuwendung reagiert, also das ersehnte Glück gibt)(5).

Die subjektive Überzeugung von der Glücksrelevanz sowohl von Werkzeug- als auch reassurance-Verhalten gegenüber weltlichen überlegenen Wesen wird kognitiv-kulturell verbunden mit der Wahrnehmung/dem Erleben hinterweltlicher Wesen und erzeugt nun die Glücksrelevanz dieser Hinterwelts-Wesen. Die Glücksrelevanz religiösen Verhaltens schweißt die einzelnen – auch genetisch beeinflussten – Verhaltensweisen zum Gesamtverhalten Religiosität zusammen, so kann der Mensch zunächst dem kleinen, vor allem aber auch dem großen Glück durch Beeinflussung einer höheren Welt näherkommen, es bei angemessenem Verhalten sogar erreichen. Diese Glücksrelevanz der Religion, ihre entscheidende Bedeutung für die Befriedigung des menschlichen Strebens nach Glücksgütern und Glücksgefühlen, führt zur kulturellen und emotionalen Verstärkung ihrer Bestandteile und deren Zusammengehörigkeit und diese wiederum zur stärkeren Glücksrelevanz. Die (subjektiv geglaubt) erfolgreiche Zuständigkeit für das menschliche Glück intensiviert das religiöse Verhalten. Gott wird um seiner selbst geliebt, aber auch weil er die entscheidende Instanz für das menschliche Glücksverlangen darstellt, der Glaube an ihn bringt Glück und dieses verstärkt wieder den Glauben. Dies muss in jeder Generation neu gelernt werden.

Religion ist also von genetischen Faktoren abhängig und doch kulturell konstruiert. In der Schöpfung entstanden biologische Verhaltensdispositionen, die bei kognitiv-kultureller Zusammenfügung den Weg zur Wahrnehmung Gottes zeigen. Der Mensch ist auf die Erkenntnis und Erfahrung Gottes hin geschaffen, kann aber selbst entscheiden, ob er ihn kennenlernen will oder nicht. Die biologischen Vorgaben ermöglichen die Erkenntnis Gottes, legen sie nahe, aber erzwingen sie nicht. Religiosität ist also weder rein biologisch noch rein kulturell erklärbar, sie ist kein Automatismus oder Instinkt, aber auch kein Verhalten, das man sich leicht und locker an- oder abgewöhnen kann. Ihre Stärke hängt von ihrer Glücksrelevanz und ihren faktischen bzw. subjektiv geglaubten und kulturell konzipierten Erfolgen ab, ebenso wie ihre Glücksrelevanz von ihrer Stärke.

Natürlich kann dieser Prozess auch umgekehrt werden: Säkularisierung – empirisch messbar durch vielerlei Indikatoren(6) – ist nun gerade das Aufbrechen, die Lockerung dieser Verbindung von glücksrelevanten sozialen Verhaltensweisen mit dem Erleben von Hinterweltswesen(und auch die teilweise Ersetzung der beiden sozialen Techniken zur Glücksproduktion – des Werkzeug- und reassurance-Verhaltens als Beziehung zu weltlich überlegenen Mächtigen –durch die Macht, eignes Glück auch ohne Hilfe anderer zu erzeugen) und damit die Trennung der Einzelverhaltensweisen und ihre immer stärkere Schwächung –(der Glaube an) Gott bringt immer weniger an Glück(so glaubt man), ist immer weniger für die Bedürfniserfüllung relevant und wichtig, wird dadurch immer schwächer und damit immer weniger wirksam, rückt in immer weitere Ferne, wird diffus und dann inexistent: Die nicht mehr intensiv geglaubte Glücksrelevanz der Religion, ihre nicht mehr entscheidende Bedeutung für die Befriedigung des menschlichen Glücksstrebens führt zur kulturellen und emotionalen Abschwächung ihrer Bestandteile und deren Zusammengehörigkeit und dies wiederum zu als schwächer wahrgenommener Glücksrelevanz.

Wie erwähnt, passiert das bei vielen Individuen und in vielen Religionen immer wieder- und auch die Forschung, die sich mit der Säkularisierung beschäftigt, findet immer wieder Zusammenhänge mit bestimmten Merkmalen und Faktoren.

Diese sind zwar Ursachen für zeitweilige Säkularisierungs-Ereignisse(ihre Gegenpole aber auch für intensive Steigerung von Religiosität), für individuellen Glaubensverlust, für Ablehnung von Religion und Aufgabe religiösen Verhaltens, aber sie ergeben erst im Zusammenspiel mit der kulturellen Systematisierung einer säkularen Weltdeutung (der Konzeption des kleineren, dafür aber von Menschen ohne Hilfe von überirdischen Wesen alleine machbaren Glücks in der Aufklärung, vielleicht gestützt durch parallele Erfolge in Wissenschaft und Wirtschaft) die okzidentale Variante dauerhafter, nicht rückholbarer Säkularisierung.

2. a) Säkularisierung: Beschreibung, systematisch

Der Wandel von gelebter, verhaltensprägender Religion zu verhaltensprägender Weltlichkeit, also der Prozess der Säkularisierung, lässt sich idealtypisch (d.h. auch: die verschiedenen Stufen der Säkularisierung ereignen sich sowohl gesellschaftlich als auch bei Individuen . sie können nebeneinander oder vermischt miteinander bestehen, sie sind schwer empirisch klar und eindeutig zu messen) zur ersten Orientierung folgendermaßen beschreiben(zu den Ursachen vgl. Kap. 2b, 2c und 3): Innerhalb der Religion entsteht das Bedürfnis nach einer „anderen Art der Religion“, einer besseren. Das passiert neben den bei gesellschaftlich wichtigen Weltanschauungs-/Sinnsystemen immer vorhandenen opportunistischen Verhaltensweisen, die Religion für die eigenen weltlichen Zwecke ausnutzen, deren Motivationen für scheinbar religiöses Verhalten also extrinsisch sind (vgl. dazu auch das von einigen Aufklärern vertretene Konzept der „religion civile“, -nach Rousseau beispielsweise nutzt man die Religion, an die man nicht glaubt, trotzdem zur Stabilisierung der gesellschaftlichen Ordnung). Die angestrebte andere Art der Religion soll mehr Weltzugewandtheit (Zuwendung zu den dort herrschenden Verhaltensweisen und Werten) und mehr „Menschlichkeit“ im Sinne von Höherwertung nichtreligiösen/weltlichen Verhaltens enthalten. Zudem soll die Aufwertung sowohl der Kompetenz, Dominanz, Machtvollkommenheit und Selbsterlösungsfähigkeit des Menschen als auch seiner aus sich selbst heraus autonom entwickelten Moralität in die Religion integriert werden und ihre neue Basis bilden. Der Mensch macht sich so seine eigene Moral und Religion – er stellt ihre Bestandteile aus dem vorhandenen Angebot an weltlichem Denken, an säkularer Ideologie in freier Wahl und synkretistisch zusammen und kombiniert sie mit eigenen, der Welt nahen Ideen.. Die Religion wird – so meint er – dadurch verbessert, sie wird attraktiver für die Welt, sie wird welthaltiger; in Wirklichkeit wird sie damit gottferner und zur von der Welt abhängigen Religion.

Daneben wird die echte intrinsisch motivierte Religion als fundamentalistisch, bigott, illiberal und heuchlerisch dämonisiert und dagegen die liberale, individualistische, immerzu Neues anstrebende, sich wandelnde, persönliches Wachstum garantierende Religion voll Offenheit und Suche in Stellung gebracht.

Dies passiert im Laufe der Geschichte immer mehr, da es immer mehr weltliche AlternativSinnsysteme gibt: zuerst die Aufklärung, dann Kommunismus/Sozialismus, dann Nationalsozialismus, dann die heutigen, aus den 60erJahren stammenden „neuen Werte“(vgl. Anm. 6) und ganz von heute die postmoderne Ideologie des (Schein- )Pluralismus. Beispiele für die abhängige Religion sind: – die „aufgeklärte Religion“(Deismus, Pantheismus, Religion und Gott in den Grenzen der Vernunft und Wissenschaft, vgl. dazu auch die historisch-kritische Methode in der Theologie, die als Axiom die Nichtanerkennung des Übernatürlichen hat und dann logischerweise auch keine wirkliche Religion in der Bibel finden kann); das „social gospel“ , die religiösen Sozialisten der Vorkriegszeit, die „Kirche im Sozialismus“ in der DDR, die „deutschen Christen“ im 3.Reich, die feministische Theologie, die Theologie der Befreiung (Marxismus, sich als Theologie bezeichnend); die ökologistisch verzerrte Religion nur der Bewahrung der Schöpfung(ohne den Auftrag, sie sich untertan zu machen zu berücksichtigen); die Propagierung pluralistischer Beliebigkeit – alle Religionen sind wahr, es gibt eigentlich nur Meinungen, keine Wahrheit, Vielfalt und gegenseitige Bereicherung als Sinn der Religion(aber gleichzeitig vehementes Bestehen auf linkspolitischer Korrektheit). Das sind alles Varianten der Selbstsäkularisierung(s.u.), es sind zivilreligiöse Verzerrungen echter Religion, bei der diese neue Art von „Religion“ ihre Inhalte aus weltlichen Ideologien bezieht und diese mit religiösem Dekor verbrämt.

Ein anderer Teil dieser religionsinternen Entwicklungen ist die neu entstehende Attraktivität anderer Religionen – einmal, die erwähnte Weltlichkeit (und deren Integration in die eigne Religion) gegenüber der eigenen, weltdistanzierten Religion zu rechtfertigen oder um durch synkretistische Integration fremdreligiöser Elemente den eigenen Glauben zu verbessern, andererseits aber auch, um sich von der angestammten Religion ab- und einer anderen zuzuwenden (klassisches Beispiel: der im Westen aus eben diesen Gründen gegenüber seinem ursprünglichen Inhalt stark verzerrt wahrgenommene Buddhismus – Zen-und andere Meditationen in christlichen Gemeinden, spirituelle Suche bei Bhagwan, Verehrung des Dalai Lama als Vorbild).

Eine nächste Stufe besteht in der Aufwertung religionsnahen Verhaltens – Magie(als Esoterik „New Age“, Okkultismus, übersinnliche Wahrnehmung…) und Mystik werden interessant und als Versatzstücke in die neue Art von Religion eingebaut.

Schon etwas weiter von der echten Religion entfernt ist die sog. säkulare Ergriffenheit (Nebenformen: säkulare Mystik/Magie) (7), also die Heiligung und Verehrung des eigentlich Weltlichen, – Natur, Kunst, Mensch(heit), Nation/Volk, Proletariat(Beispiel: die Verehrung der Natur in der Ökobewegung- man kann eins werden mit der Natur, es gibt UmweltSünden, Umwelt-Frevel, ein Umwelt-Gewissen, die Ehrfurcht vor der Natur/dem Leben – statt vor Gott, es gibt Prophezeiungen der Apokalypse – durch die Zerstörung der Überlebensgrundlagen, durch Klimawandel – und Forderungen nach Umkehr; alles die Anwendung religiöser Begriffe auf Nichtreligiöses). Diese säkulare Ergriffenheit mischt sich oft mit weltlichen Ideologien, die in ihrer Verabsolutierung des erwähnten Weltlichen (Mensch, Klasse, Rasse oder Natur) das diesseitige Heil, das große Glück und Paradies, innerweltlich schaffen wollen(und/oder den Untergang der Welt zu verhindern suchen), – durch kollektive menschliche Anstrengung.

Diese weltlichen Ideologien stellen auch die Situation des Menschen ohne Religion als befreiend dar, als wahres menschliches Sein, als richtiges Leben und denunzieren die Religion als entfremdenden Unglücksbringer. Und sie bekämpfen sie – geistig(sie ersetzen mittels Zwang religiöses Wissen durch Ideologie), politisch (sie verhindern die Tradierung und Ausübung der Religion) und mit Gewalt -sie töten aus antireligiöser Gesinnung.

Ein etwas neueres – nicht ganz so aggressives Konzept ist der postmoderne Pluralismus (kombiniert mit dem Glauben an den Wohlfahrtsstaat, von dorther und auch aus sich selbst trotz Individualismus voller Gemeinschaftsrhetorik und –zwänge, echter Pluralismus würde ja jede Gemeinschaft sprengen, er und Staatsgläubigkeit passen nicht zusammen), die Vielfalt als Sinn – in sich widersprüchlich (es gibt keine Wahrheit, so sagt man, nur Vielfalt, Meinungen und Toleranz, aber genau das ist eben wieder eine Wahrheit !) und auf dem Weg zur irrationalen Ideologie, die freiheitseinschränkende Tendenzen entwickelt.

Viele dieser gerade beschriebenen Teile des Säkularisierungsprozesses finden sich beim Verlauf der verschiedenen Säkularisierungsschübe wieder, vor und in der Aufklärung, im Kommunismus und Nationalsozialismus, bei den 68ern bis heute). Mit der Erstarkung von säkularen Ideologien – schon in der französischen Revolution – verläuft der Säkularisierungsprozess zum Teil anders: Ausübung und Tradierung von Religion wird verhindert, die ersten Stufen werden übersprungen, Religion wird schneller und direkter zur säkularen Ergriffenheit bzw. verabsolutierenden Ideologie. Die Säkularisierung durch Aufklärung und die heutigen Zustände seit dem 68er-Schub ähneln sich dabei eher als die Säkularisierung durch Kommunisten und Nazis.

Das nun durch all diese Bewegungen erreichte Leben ohne Religion ist möglich , aber es ignoriert einen Teil dessen, was Menschsein ausmacht, ist also kein wirklich erfülltes Leben.

Ein solches Leben kommt aber ziemlich selten vor: rein unreligiöse Gesellschaften existieren nicht, und auch unreligiöse Menschen leben in Gesellschaften, wo religiöses Verhalten mindestens in Form von „religion light“ (vgl. die oben gezeigten Zwischenstufen zwischen Religion und Säkularität) existiert und eine Art Hintergrundabsicherung bietet, was Probleme von Tod, Vergänglichkeit, Werte, Sinn und Welterklärung(die großen Fragen also), aber auch von sozialem Engagement, Hilfsverhalten oder Kriminalitätsabsicherung betrifft. Außerdem haben alle Gesellschaften – auch wenn die Religion nicht mehr vital ist – doch von ihr gelegte und gepflegte Grundlagen – vor allem in allgemein anerkannten Werten, Sinndeutungen und Moral, die in nun säkularer Weise weiter funktionieren (vgl. z.B. die Prägung von Rechtssystem und Rechtsbewusstsein durch die Zehn Gebote; oder den Habermas’schen Gedanken, dass die Moderne auf religiöse Abstützung angewiesen ist, da sie sich aus sich heraus nicht begründen oder stabilisieren kann; vgl. die Entwicklung der Menschenrechte auch aus der Religion). Zudem haben viele nichtreligiöse Gesellschaften und Individuen noch viel an religionsnahen Verhaltensweisen wie Esoterik, säkulare Ergriffenheit, Magie, Mystik, Aberglauben usw.

In unseren europäischen Gesellschaften ist Religion noch am Leben, auch wenn Säkularität oft vorherrscht. Und sie (in ihrer lebendigen Form, nicht als weltangepasste, sich selbst säkularisierende Schwundform wie z.B. in Skandinavien, aber inzwischen auch in Mitteleuropa) hat auch – anders als in bestimmten stark säkularisierten Gesellschaften wie der Tschechei oder Ostdeutschland – Chancen auf Wachstum, da existentielle Fragen noch gestellt werden(können), da Tradierung noch möglich ist, da das weltliche System nichts weniger als perfekt funktioniert und das kleine Glück –auch aufgrund wachsender Ansprüche –nicht genügt, da auch religiöse Menschen einwandern, da sich das Bedürfnis nach großem Glück(angestoßen durch ererbte Neigungen zur Religion) durch Vorhandensein von Vorbildern und erlebter Religion noch in religiöser Form artikulieren kann.

Allerdings hat sie auch einen mächtigen Gegner -die Kombination von Aufklärung mit linker, linksliberaler, auch pluralistisch-postmoderner säkularer Ideologie(rechte Ideologien sind zur Zeit nicht en vogue), die Aufwertung menschlicher Macht und Moralautonomie – und allgemein den Fortschritt bei der Produktion von Glücksgütern (der den Menschen – so scheint es – immer weniger von Gott abhängig macht, innerhalb dessen aber für den Einzelnen doch eine große Menge an Nichtmachbarem existiert und dessen Erfolg die Ansprüche immer wieder ins weltlich Unerfüllbare wachsen lässt), ein Fortschritt, der auf weltliche Art vieles an Glücksgütern und Glücksgefühlen zur Verfügung stellen kann und der das Glück in seinem Sinne als eher kleines, aber vom Individuum und vor allem vom Wohlfahrtstaat machbares definiert(wogegen die Religion in diesem Kampf um die Deutung der Wirklichkeit gegen die widersprüchliche Kombination von Staatsgläubigkeit und Pluralismus gerade die Nichtmachbarkeit des Glücks , die Abhängigkeit des Menschen von Gott, aber auch seine Freiheit gegenüber dem Staat, die Schwäche und Kleinheit des Menschen und die Größe des angezielten Glücks betonen muss), der aber andererseits von der religiösen Bewältigung gerade von ihm nicht zu beantwortender Fragen profitiert.

Leben ganz ohne Religion (wieder idealtypisch beschrieben) funktioniert deshalb einigermaßen, weil Religion kein Monopol auf die Erzeugung von Glücksgütern und Glücksgefühlen hat (auch Wissenschaft, Vernunft oder Arbeit können das allein, aber in Zusammenarbeit mit Religion können sie es besser)sondern nur e i n Faktor unter vielen ist, die glücksrelevant sind und die nicht von ihr erzeugt werden oder nicht besonders stark mit ihr zusammenhängen( Gesundheit, Freiheit, Lebensstandard, Beschäftigung/Arbeit, Bindungen an Partner, Freunde, Verwandte, teilweise erbliche Persönlichkeitseigenschaften wie Extraversion, emotionale Stabilität, Agreeableness und Gewissenhaftigkeit führen zu Glücksgefühlen, die somit stark genetisch beeinflusst werden). Ähnliches gilt für die Moral: prosoziales und antisoziales Verhalten(Altruismus/Kriminalität) haben auch erbliche Anteile(neben ihrer Korrelation mit Religion), funktionieren also auch ohne Religion einigermaßen. Nichtreligiöse Menschen, die viele der erwähnten Faktoren erleben , sind glücklicher als religiöse, die weniger von diesen Faktoren erfahren,- aber hätten die Nichtreligiösen in ihrem Verhaltensrepertoire noch Religiosität, wären sie n o c h glücklicher. Die weltliche Gesellschaft arbeitet daran,- sie versucht das Leben zu verbessernd(und vor allem auch das Denken zu verändern hin zu Staatsgläubigkeit) in bezug auf Gesundheit, Lebensstandard, Gerechtigkeit, Absicherung gegen alle Arten von Krisen, was inzwischen aber wieder –aufgrund des Bedürfnisses nach großem Glück – zur Tendenz geführt hat, alles total und absolut perfekt abzusichern und Ängste vor allen möglichen (auch Schein-)Risiken zu entwickeln. Bei altruistischem Verhalten versucht sie es mit Spaß und ideologiegläubigem Engagement als Motivation, das aber schwächer wirkt als die religiöse und wenn ihr mehr an Fortschritt in Wissenschaft, Medizin, Technik gelingt als der religiösen, kann sie die Nachteile ihrer fehlenden Religiosität ausgleichen (bisher war das meines Wissens noch nicht der Fall).

Auch ist das Bedürfnis des Menschen nach kohärenter Weltanschauung unterschiedlich ausgeprägt – vielen genügt eine gewisse Hintergrundsabsicherung und ihr kleines Glück, Wohlstand reicht, die Sinnfrage stellt sich nicht ( es heißt: das Leben hat den Sinn, den ich ihm gebe –Dominanzglaube des Menschen; zu beachten ist auch die soziale Vermittlung: Dauer-Konsum und Dauer-Bespaßung durch die Unterhaltungsindustrie, Hetzen von event zu event und das Fehlen größerer Krisen halten von gründlicherem Nachdenken ab). Die Menschen brauchen hier keine widerspruchsfreie Lösung existentieller Fragen, kein großes Glück; locker zusammengefügte Ideologeme, Pragmatismus , Toleranz und “jedem seine Meinung“ oder Situationsethik reichen aus (das kritische, konsequente Denken entwickelt sich zurück). Auch der Glaube, Wissenschaft, Vernunft und Religion widersprächen sich grundsätzlich, hindert daran, zu erkennen, dass das rein weltliche System Mängel hat.

Viele der erwähnten Ideen sind intellektueller Selbstbetrug auf eher niedrigem Niveau – der vielbetonte weltanschauungsfreie Pragmatismus braucht auch Ziele und Werte, bloßes zielloses Wursteln gibt es kaum. Ebenso echter Pluralismus: wenn es bloß Meinungen gäbe, eine Vielfalt von gleich wahren Lebensentwürfen, wäre planvolles Handeln unmöglich(im neuen System herrscht auch nicht wirklich Pluralismus: bestimmte Meinungen sind tabu, und der Zusammenhalt der Gemeinschaft oberstes Gebot). Lebenssinn kann nicht von m i r abhängen, er ist etwas Objektives, (wenn das Leben keinen Sinn hat, dann kann ich ihm auch keinen geben); Situationsethik hilft auch nicht weiter: die Situation kann niemals bestimmen, was gut ist. Wissenschaft und Vernunft können keine Werte erzeugen, keine Ziele setzen und auch die Welt nur dann „erklären“, wenn man diese vorher auf wissenschaftlich Erkennbares reduziert und sowohl Komplexität als auch potentiell Übernatürliches unter den Tisch fallen lässt, den Horizont also stark beschränkt.

Und so herrschen im weltlichen Bereich doch langfristig immer wieder Glaubenssätze und Ideologien statt bloße nüchtern-rationale pragmatische Alltagsbewältigung vor (geboren aus dem Bedürfnis nach großem Glück )– harte Ideologien wie Kommunismus und Nazismus, oder weiche mit Verhärtungstendenz wie linksliberaler Pluralismus, 68er–Denken, Materialismus/Wohlfahrtstaatsideologie/Staatsgläubigkeit , Wissenschafts- und Fortschrittsglaube, Feminismus oder auch ethnisch-nationale Ideen, nicht aber wie oft erzählt reiner Individualismus, flexibler Pragmatismus, Toleranz, Autonomie und Offenheit oder gar reine Wissenschaft und Vernunft. Die Vielfalt wirklich individueller Weltanschauungen ist eben begrenzt. Die erwähnten Ideologien können kurzfristig Funktionen der Religion wie Wertesetzung, Sinn- und Weltdeutung, Glücksrelevanz zumindest subjektiv erfüllen – sie betonen andere Arten von Glück als Religion –z.B. Geld, Dominanz/Selbstwertgefühl/Stolz, Konsum, Drogen oder Sex; Therapien, Pillen, Humor und Loslassen als Lösung psychischer Probleme statt Seelsorge oder Trost im Glauben; oder das Glück wird in die Zukunft verschoben durch Fortschrittsglauben; es gilt carpe diem oder Weiterleben in den eigenen Kindern/in der Natur statt Leben nach dem Tode; man strebt nach Nachhaltigkeit und dauerhaftem ökologischen Gleichgewicht statt nach ewigem Leben; man feiert Winterfeste statt Weihnachten; Sport, Kultur und Musik fördern Fairness, Kreativität und soziales Engagement, Bildung für alle senkt Kriminalität,

Gesundheitsbewusstsein verbessert die Gesundheit – d.h. vieles, das die Religion bewirkt, wird, wenn auch wohl ungenügend – durch nichtreligiöse Verhaltensweisen ersetzt(8). Der Nutzen von Religion bleibt mangels Kontakt mit ihr und Wissen über sie unbekannt, die positiven Wirkungen von Religion –s.u. – sind in der Wissenschaft und in der Bevölkerung noch nicht einmal umstritten, man kennt sie nämlich kaum.

Trotz allem entstehen jedoch langfristig immer wieder Probleme, die die Herrschaft der weltlichen Ideologien gefährden.

Gibt es freie Wissenschaft, dann werden früher oder später die Verzerrungen der Wirklichkeit durch die Ideologien aufgedeckt oder Wissenschaft und damit Erkenntnis und Freiheit wird begrenzt (Anfänge davon sind auch schon im heutigen Scheinpluralismus zu finden, der wertende Wissenschaft, Einheitsmeinung und Gemeinschaft verlangt), mit negativen Folgen, zu sehen an NS und Kommunismus).

Gibt es freien Gedankenaustausch und Religionsfreiheit, entstehen auch aufgrund der bei einigen Menschen angelegten stärkeren Tendenz zur Religiosität auch hier wieder existentielle Fragen und Bedürfnisse nach umfassendem Glück(auch aufgrund der Unzufriedenheit mit den Mängeln der säkularen Ideologien und deren Misserfolgen), die diese Menschen selbst im säkularen Umfeld zur Religion hinführen. Ist die Säkularisierung allerdings bis zu einem bestimmten Schwellenwert fortgeschritten, werden das Einzelfälle bleiben, die Religion wird höchstens stabil bleiben, aber nicht wachsen.

Die großen verabsolutierenden Versprechungen der Ideologien(die vor allem die Ansprüche aller steigern – vgl. das Ergebnis der Frauenemanzipation: weniger Lebenszufriedenheit bei den nun Emanzipierten) – Gleichheit und Gerechtigkeit für alle beispielsweise – treffen nicht ein, es beginnt die Suche nach Schuldigen, viele fühlen sich benachteiligt, als Opfer, betrogen usw.. Das Bedürfnis nach großem Glück wurde geweckt, aber nicht befriedigt, es ist die Basis für die Existenz der Ideologie, aber auch ihr Verderben(und auch das des kleinen Glücks, dessen Vorherrschaft es immer gefährdet), da sie es nicht erfüllen kann. Es ist immer latent vorhanden und manifestiert sich –angestoßen durch Ansprüche, Erfolge, Versprechungen, Nachdenken und Reflexion – immer wieder neu. Materialismus wird zur Gier, Hedonismus zur Sucht, Stolz zur Selbstüberschätzung, Kinderliebe zur Unfähigkeit, mehr als eines aufzuziehen, Forderungen nach ewig gleichbleibender Umwelt und Natur zur Aufhebung der Vergänglichkeit tauchen auf, Sachfragen werden moralisiert und verabsolutiert (Stuttgart 21), Güter- oder Werteabwägungen können nicht mehr stattfinden, Forderungen nach absoluter Freiheit, totaler Sicherheit, völliger Gleichheit oder Bildung als Lösung aller , wirklich aller Probleme. erscheinen auf der Bildfläche und überfordern die Leistungsfähigkeit jeglicher Ideologie.

Selbstverständlich kann man diese Probleme kleinreden(selbstverständlich gibt es auch in religiösen Gesellschaften Probleme) und säkulare Menschen tun das auch(oder sie verdrängen, resignieren- „man muss eben zufrieden sein“, „die Zukunft wird besser“, erleben sich als Opfer, suchen Schuldige oder konsumieren statt zu reflektieren). Oft kennen sie das, was sie ablehnen, die Religion, gar nicht, wissen nicht was sie versäumen; andere scheinen einsichtiger, kommen aber zu keiner sinnvollen Lösung: das Leben ohne Religion ist schwierig, aber man muss es aushalten – eher schlecht gelaunt wie Freud oder in heroischer, eher schmerzlicher Auflehnung wie die Existenzialisten oder Nietzsche. Dazu kommt, dass die Menschen nicht zu wissen scheinen, was sie glücklich macht – (vgl. die vielen Irrtümer bei der Glückssuche – als kleines Beispiel die Tatsache, dass die meisten bei einer Gehaltserhöhung bereit sind zu pendeln, dass das Pendeln aber den positiven Glückseffekt des höheren Gehalts in sein Gegenteil verkehrt; ein etwas bedeutenderer Fall ist der Feminismus, der viele „Fortschritte“ für die Frauen errungen hat und diese doch unzufriedener als zuvor zurücklässt; große Beispiele für diese Unwissenheit sind die radikalen Versuche, irdisches Glück zu erzeugen im Kommunismus oder Nazismus, die mit Terror und Tod endeten).

Empirisch (9) sieht man, dass säkulare Menschen eben doch weniger Lebenszufriedenheit bzw. Glücksgefühle haben , weniger Nachwuchs, weniger Altruismus und Hilfsverhalten, mehr kriminelles Verhalten und eine geringere Lebenserwartung. Diese Differenzen zwischen religiösen und säkularen Menschen sind in einigen Ländern schwach ausgeprägt(in Skandinavien als Gesamtheit; i n n e r h a l b der einzelnen Länder, auch in Skandinavien – sind die Religiösen aber meist deutlich besser dran), in andern gravierend (vgl. die Zeit der Nazis und Kommunisten; die Schäden durch sie sind heute noch existent – in vielen durch sie beeinflussten Ländern hat die Religion noch jetzt sehr negative Folgen zu ertragen, als Vergangenheitswirkung in der Ex-DDR, Tschechei, dem Baltikum und Bulgarien; aktuell heute in Nordkorea, China(10) Vietnam; dort geht es den Säkularen z.T. besser als den Religiösen, weil diese verfolgt und benachteiligt wurden und werden). Die Menschen scheinen dort nicht mehr in der Lage, von einem Zustand, der der umfassenden Erfüllung menschlicher Bedürfnisse nicht zuträglich ist, zu einem bessern zurückzufinden. Sie finden sich mit einem geringeren Niveau an Lebensqualität ab, sie verzichten auf Höheres.

2 b)Säkularisierung: Zusammenhänge, empirisch

Die von den säkular Gewordenen oder Werdenden angegebenen Gründe für ihre Abwendung von der Religion sind mit Vorsicht zu genießen, weil die Mehrheit der Menschen dieselbe so negativ beschriebene Religion nicht so sieht und sie auch nicht aufgibt. Sowohl die Wahrheit der Religion als auch ihr Nutzen oder ihre Positivität werden bestritten – sie sei wissenschaftlich und philosophisch widerlegt, irrational und widersprüchlich, sie verbiete alles Schöne, mache ihre Anhänger und die Welt nicht besser, löse keine Probleme, sondern führe zu Heuchelei, Fremdbestimmung und Unfreiheit, Fanatismus und Intoleranz; religiöse Menschen seien macht- und geldgierig, unsozial und egoistisch, schuldbeladen und ängstlich, Religion sei eine Illusion und Zwangsneurose. Diese religionskritischen Argumente können kaum als Ursache für die Säkularisierung angesehen werden(stimmten sie, dürfte keiner mehr religiös sein) – außer der Behauptung, Religion nicht zu brauchen, Glück und Moral selbst entwickeln und erzeugen zu können. Wie erwähnt, gibt es die Möglichkeit, ohne Religion zu leben, sie subjektiv also nicht zu „brauchen“, allerdings mit einigen negativen Folgen, auch gab es bisher noch keine rein unreligiöse Gesellschaft, auch erreicht keine der stärker säkularen Gesellschaften Europas mehr die zum Überleben der Population notwendige Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau, konsequent durchgesetzte Säkularisierung weltweit würde also beim heutigen Stand des Verhaltens das Aussterben der Menschheit bedeuten.

Hier sollen deshalb zuerst einmal Korrelationen von Religion mit bestimmten Faktoren aufgezeigt werden, die individuell mit schwächerem religiösen Verhalten zusammenhängen, in der Umkehrung tragen diese Faktoren natürlich zur Stärkung der Religion bei (man findet z.B. dass Männer sich eher von der Religion abwenden – womit klar ist, dass Frauen sich von ihr nicht ab-, sondern eher zuwenden). Solange die Faktoren in der Gesellschaft gleich verteilt sind, werden sich Religionsstabilität- und -abwendung die Waage halten.

Gilt Religion als das kulturelle Sinnsystem, das den Rahmen des Denkbaren, Guten und Wahren in der Gesellschaft vorgibt, dann werden die erwähnten Faktoren bzw. ihre jeweiligen Umkehrungen wohl einen Zustand erzeugen, bei dem die große Mehrheit der Gesellschaft auf irgendeine Weise religiös ist (ein kleiner Bereich tiefreligiös, ein anderer eher schwächer, unsicher im Glauben oder auch opportunistisch/extrinsisch die Religion ausnutzend oder eine bequeme Wohlfühl-Religion praktizierend mit wenig Aufwand und möglichst viel Ertrag- vgl. das Kirche –Sekte-Modell der Soziologie) und eine kleine Minderheit religionsdistanziert lebt. Säkulare Entwicklungen werden von der im Denkrahmen als glücksrelevant definierten Religion immer wieder zurückgeholt; dabei wirken die Gegenpole der säkularisierenden Faktoren, erbliche Anteile am religiösen Verhalten und das von der Religion gebildete Milieu, das die religiöse Erziehung, soziale Verstärkung und Kontrolle garantiert (idealtypisch: Familie, Freunde, peer group, Verwandte, Bildungsinstitutionen, Medien, Berufs- und Freizeitorganisationen Partei, Gewerkschaft , Gemeinde und der kulturelle Überbau der Gesellschaft vermitteln konsonant dieselben religiösen Lerninhalte) so stark, dass säkulare Tendenzen immer wieder verschwinden und Einzelfälle bleiben.

Erst die Änderung des Denk- und Verhaltensrahmens – s.u. 2c) –führt zu einer Entwicklung, bei der die säkularen Anteile in der Gesellschaft (und auch im individuellen Verhalten) mehr werden und bei der die bisher schon säkularisierend wirkenden, aber immer zurückgeholten Faktoren bei der Säkularisierung vorausgehen und sie antreiben. Das ist die Situation in der okzidentalen Säkularisierung. Solange der religiöse Rahmen als wahr gilt, führt auch Pluralismus, die Anwesenheit verschiedener Religionen, Denominationen oder Weltanschauungen nicht zur Schwächung der Religion, sondern eher zu ihrer Stärkung: alle Denominationen konkurrieren, das beste religiöse Angebot zu machen (USA). Erst wenn Pluralismus als Ideologie gesehen wird und er den neuen Denkrahmen der Gesellschaft bildet, es nur noch um den Zusammenhalt der Gesellschaft geht, wenn „belonging“ vor „believing“ rangiert, wirkt die Anwesenheit verschiedener Religionen oder Weltanschauungen säkularisierend. Synkretismus – der Mensch stellt sich sein Weltanschauungssystem selbst zusammen als eine Mischung verschiedener weltlicher und religiöser Wahrheiten, nun Meinungen genannt –herrscht vor, Submissionsbindung an ein höheres Wesen wird unmöglich. Bald darf es keine religiöse Wahrheit mehr geben, sondern nur noch eine Wahrheit der Diskurs- und Verhaltensregeln, die den absolut gesetzten Zusammenhalt der Gesellschaft sichern sollen: Toleranz, Respekt, Akzeptanz, Vielfalt, Flexibilität, Individualität und Multikulti werden zur neuen Wahrheit, (neben säkularen Ideologien linksliberalen Zuschnitts, entwickelt aus den Werten der 68er-Bewegung ), die behauptet, es könne keine Wahrheit geben, die nun aber doch wieder absolut gelten soll.

Bleiben die säkularisierenden Faktoren innerhalb des religiösen Rahmens, dann werden sie wie erwähnt in ihrer Wirkung gebremst, aber sie werden nicht unwirksam, vielmehr verändern sie des öfteren die Gestalt der Religion (s.u.).

Doch nun zu den einzelnen Faktoren und ihren Zusammenhängen mit Religion. Zusammenhang bedeutet hier nicht, dass man sie als Ursachen verstehen kann – es sind vielmehr meist Korrelationen, die untersucht wurden. Es kann dann A die Ursache für B sein oder B die Ursache für A oder es kann beides gleichzeitig der Fall sein und es kann ein Drittfaktor sowohl A als auch B verursachen. Das muss jeweils geprüft werden(s.u. z.B. der Faktor Mann – Männer sind eher weniger religiös und sie sind dominant und risikobereit, impulsiv und rebellisch – all diese Faktoren könnten also als Drittfaktor den Zusammenhang zwischen männlichem Geschlecht und Säkularität erklären).

Negative Zusammenhänge mit Religion also sind bekannt für folgende Faktoren: männliches Geschlecht, Einkommen/Vermögen (wenig ausgeprägt, unsicher, ob in anderen Epochen anders), Bildung(11), Lebenszyklus (Rückgang der Religiosität ab der Pubertät, Anstieg mit Familiengründung, im Alter eher höhere Frömmigkeit), Verstädterung (der Zusammenhang ist nicht stark; wahrscheinlich ist der Faktor Stadt nur die Ansammlung vieler anderer Faktoren ohne spezifische Eigenwirkung oder die schon schwachreligiösen ziehen eher in die 20 Stadt; vgl. aber auch: Landflucht vergrößert die Städte, die Versorgung mit Pfarrern sinkt und damit auch die Religiosität, allerdings bei Katholiken kaum; die Stadt senkt die soziale Kontrolle – Neuerungen können sich so besser etablieren), Kombination von Religion mit ethnischen/nationalen Faktoren (die meisten Religionen sind auf Ethnien bezogen, vor allem Chinesen sind Konfuzianer und Taoisten, Juden sind auch ein Volk, Hindus vor allem Inder, frühe Religionen sind Stammesreligionen; vermutlich sind Neger religiöser, Asiaten dagegen eher sprirituell/mystisch orientiert oder nicht so religiös; teilweise wird die Religion vom ethnischen Faktor stärker beeinflusst als umgekehrt), negative Lebensereignisse(sie führen wohl nur bei schon für Säkularisierung Anfälligen zum Religionsverlust, für stärker Religiöse ist gerade ihr Glaube die letzte rettende Zuflucht) oder die nicht intakte Familie als Tradierungsinstitution (Scheidung, uneheliches Kind, nicht-eheliche Partnerschaft, konfliktreiche Familienbeziehung, keine Kinder, Berufstätigkeit der Frau, Heterogamie – verschieden starke Religiosität der Partner wirkt wie Pluralismus negativ; hier gibt es die Gefahr sich fortsetzender Wirkungen und reziproker Kausalität – z.B. Scheidung/Heterogamie führt oft zu Säkularisierung und diese wieder zu Scheidung/Heterogamie; Berufstätigkeit führt zu weniger Kindern und diese zu Berufstätigkeit und beide zu weniger Religiosität und umgekehrt; Heterogamie und Berufstätigkeit führt zu Scheidung usw- und vieles wird auch in die nächste Generation tradiert).

Auch einige stärker erbliche Verhaltensweisen beeinflussen die Menschen, so dass sie religiöses Verhalten weniger annehmen: das Fehlen von absorption, Fähigkeit, in Trance zu fallen, Suggestibilität, Hypnotisierbarkeit, fantasizing (12)und wohl auch die Fähigkeit oder Neigung, Wesenhaftigkeit und Hinterwelt wahrzunehmen(alles Faktoren, die religiöse Erfahrung ermöglichen), Dominanzverhalten(Selbstaufwertung, Selbstwertgefühl, Kontrollglaube, Machbarkeitsbewusstsein, Autonomie, Rebellion, Ungehorsam, Protestneigung, hierher gehört wohl auch Opportunismus, die Nutzung der Religion für andere Bedürfnisse wie Macht, wirtschaftliche Interessen, Erlebnis von Schönheit, Ritual, Gemeinschaft usw. und die Bequemlichkeit bei religiösen Anforderungen- möglichst wenig tun für den Erfolg; die Nutzung der religiösen Wesen als soziale Werkzeuge – das sind Zeichen dafür, dass sich der Mensch über diese Wesen stellt, statt sich submissiv an sie zu binden) gegenüber der Submissionsbindung(Gehorsam, Unterordnung, Akzeptanz, Anpassung, Abhängigkeit), sichere gegenüber ambivalenter, vor allem aber vermeidender Art von Bindung(nach Bowlby).Dies sind Faktoren, die religiöses Verhalten erleichtern; ein die Religion erschwerendes Problem besteht in der Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit sinnlicher (Vorder)Welt-Wahrnehmung und der Übernatürlichkeit, Übersinnlichkeit und Außerordentlichkeit von Hinterwelts-Wesen – diese sind apriori erst einmal für das menschliche Erleben unwahrscheinlich, müssen erst durch Deutung oder veränderte Bewusstseinszustände bewiesen werden, es liegt immer zuerst die (Vorder-)Weltlichkeit nahe – (s.u. Aufwertung der Welt in 3 ) und last but not least die Gegenpole zu den religionsstärkenden Persönlichkeitseigenschaften Agreeableness und Gewissenhaftigkeit(Impulsivität, Feindlichkeit, Misstrauen, auch Nonkonformismus, Kriminalität, Verantwortungslosigkeit, Unzuverlässigkeit; mangelnde Selbstkontrolle, fehlende Hilfsbereitschaft, Empathie und Anpassungsneigung) und das religionsschwächende Persönlichkeitsmerkmal „sensation seeking“(geprägt von Spannungsund Erlebnissuche, Risikoverhalten, Langeweileanfälligkeit und Enthemmung). Konservatismus dagegen (negativ mit sensation seeking korreliert) ist eine ebenfalls genetisch mitbedingte Haltung, die positiv mit Religion zusammenhängt.

In Gesellschaften mit religiösem Rahmen wird die Religion durch diese Faktoren verändert, aber kaum säkularisiert (das folgende ist natürlich idealtypisch zu sehen) -die männliche Form von Religion beinhaltet(die Gesellschaft prägend, wenn Männer vorherrschen oder nur die Männer prägend) z.B. Werkzeugverhalten oder ist kämpferisch-autoritär, protestierendrebellisch, politisierend, oder erfolgsorientiert strukturiert, feminisierte Religion dagegen betont Frieden, Harmonie, sozialer Zuwendung, Gehorsam, Unterordnung, Emotionalität, Klage und Opferhaltung. Die Religion der Gebildeten (13)ist geprägt von Streben nach Weisheit, Erleuchtung, Wissen, Innerlichkeit und/oder steckt– wegen des Zusammenhangs von Bildung und Elitenposition (Macht und Reichtum) -auch wie die Religion der Reichen und Mächtigen voller Inhalte, die Herrschaft legitimieren, die Religion also ausnutzen (die Religion der Ungebildeten/Armen und der aus diesen Schichten erwachsenden Intellektuellen wird jenseitigen Trost oder Protest und Rebellion gegen die etablierten Eliten formulieren und so ein gewisses Gleichgewicht gegen die Ausnutzung erhalten). Nationales prägt und überformt die Religion(Russen gelten als orthodox gleich religiös, auch wenn sie die Religion nicht praktizieren und umgekehrt kann ein Nichtrusse kaum Orthodoxer gleich Gläubiger sein(14)).Menschen mit schwächerer Familienbindung und allgemein weniger sicherem Bindungsverhalten haben eine schwächere Religion, tradieren sie weniger und erleben eine distanzierte Beziehung mit Gott(Deismus ist eher verbreitet).Fehlen genetische Voraussetzungen wie absorption oder fantasizing und Suggestibilität (außerdem hat die Sinnlichkeit der Vorderwelt ja prinzipiell erst einmal den Vorrang, das Übernatürliche muss bewiesen werden) und gibt es viel an Dominanzverhalten, dann existieren in dieser Gesellschaft wenig religiöse Erfahrungen, die Vorderwelt dominiert, das Übernatürliche ist erst einmal das Abweichende, die Religion wird eher vom Werkzeugverhalten beherrscht, von extrinsischer Orientierung, Machbarkeitsglaube und Synkretismus (statt im Gleichgewicht mit reassurance und Submissionsbindung zu stehen). Auch die Forderung nach Bequemlichkeit bei religiösen Anforderungen- möglichst wenig tun für den Erfolg, eine genaue Nutzenkalkulation –also Egofixierung prägen diese Art von Religion(für echt Religiöse ist ihre Religion nicht anstrengend und lästig, sondern eine Quelle der Freude): Ohne Agreeableness und Gewissenhaftigkeit wird die Religion fanatisch, feindlich und unempathisch, zuviel sensation seeking macht aus ihr eine leere oder enthemmte Spaßoder Eventreligion, fehlt Konservatismus, dann führt zuviel Offenheit und Neugier gegenüber weltlichen Ideen zur Lockerung der Bindung an Tradition und religiöse Inhalte. Bei Akzeptanz des religiösen Rahmens werden diese Abweichungen immer wieder von ihren jeweiligen Gegenpolen korrigiert (Eliten und Männer waren wohl in beiden Richtungen aktiv – als Säkularisierer, wenn sie weniger religiösen Hintergrund haben und als Rückholer, wenn der Hintergrund stärker religiös ist) und in ihrer Säkularisierungswirkung aufgehoben.

2c) okzidentale Säkularisierung:

Erklärungen Die in 2b) erwähnten, die Abwendung von der Religion verursachenden Faktoren werden, solange das kulturelle Sinn- bzw. Weltanschauungssystem, der kulturelle Denk- und Verhaltensrahmen sagt: Religion ist wahr und wichtig für alle, keine dauerhafte Säkularisierungswirkung haben. Einzelpersonen zweifeln, werden unreligiös, beeinflussen auch andere – aber die Mehrheit steht dem entgegen, die Zweifel verringern sich wieder, wenn andere glauben, soziale Kontrolle pro Religion funktioniert.

Trotzdem kam es in Europa – und bisher nur dort, aber ausstrahlend auf die ganze Welt – zur dauerhaften Säkularisierung. Es entstand ein neues kulturelles Sinn- bzw. Weltanschauungssystem, ein neuer Denk- und Verhaltensrahmen, der im Zusammenwirken mit den in 2b) gezeigten Faktoren langsam im Kampf gegen die Religion als Rahmen etabliert wurde und so die Säkularisierung auf Dauer stellte. Die Faktoren begannen schon zu wirken, als das Angebot des weltlichen Sinnsystems an Attraktivität gewann, sie waren wohl auch bei seiner Entwicklung –s.u. 3 – beteiligt und sie stärkten seine Attraktivität , konnten mit ihm zusammen später auch Rückholungen verhindern)und sich innerhalb von Gesellschaften und Gruppen verschieden stark (vgl. 3) durchsetzte(zu alternativen Erklärungen vgl 14)), beginnend bei den männlichen Eliten, bei der Jugend, in nicht intakten Familien, in Städten, Medien, Bildungs-und Wissenschaftsinstitutionen, religiöse Milieus auflösend, getragen von den vielen „passenden“ genetisch mitbedingten Verhaltensweisen und Persönlichkeitseigenschaften, die in 2b gezeigt wurden, später verstärkt und stabilisiert von wirtschaftlichen Interessen, Politik und Recht. Zu Anfang war dieser Rahmen noch mit Religion vermischt, wurde noch von ihr – später auch von Weltlichem(national-liberal, rechts-liberal, links-liberal) -gestützt und profitierte noch von den durch die Religion erzeugten Hintergrundsabsicherungen, bald aber übte er auch schon Zwang gegenüber religiösem Verhalten aus (vgl. den „aufgeklärten Absolutismus oder die französische Revolution).

Gegen diesen Rahmen (der sich damals noch in der Etablierungsphase bzw. im Kampf mit der von der Romantik gestärkten Religion befand), aber seine Weltlichkeit aufgreifend und radikalisierend , entstanden (trotz teilweise erfolgreicher Rückholung der Aufklärung im 19.Jahrhundert mit zeitweiliger Stabilisierung des Protestantismus und Wachstum des Katholizismus) zwei weitere weltliche Sinnsysteme, der Kommunismus und der Nationalsozialismus als menschliche Bemühung und große Verheißung, nun das große Glück innerweltlich herzustellen. Sie bekämpften die Religion noch weit stärker, auch gewalttätig, und fügten ihr viel größeren Schaden zu als die Aufklärung (sie allein hätte die Stabilisierung der Säkularität wohl nicht geschafft – die von der Romantik vorbereitete Rückholung hätte die Aufklärung sehr wohl aufhalten können, wie sie es im 19.Jahrhundert auch tat). Nachdem die eine der beiden Ideologien –nach Millionen von Opfern – endlich besiegt werden konnte und sich als gefährlich und (auch aufgrund ihres umfassenden, aber unerfüllbaren Heilsangebots) ebenso auch als unfähig erwiesen hatte, das versprochene große Glück zu garantieren, gab es im Westen (nicht z.T. in ehemaligen Kolonien, nicht in Osteuropa und auch nicht in der 3. Welt– da herrschte noch die andere Ideologie, deren völlige Diskreditierung erst 1989 geschah) in den 50er Jahren eine kurze Atempause im Säkularisierungsprozess, die Religion gewann in einzelnen Ländern sogar wieder an Boden, weil sich die Säkularität in der einen Ideologie als ein gefährlicher Irrtum herausgestellt hatte und weil im Kalten Krieg die andere säkulare Ideologie eingedämmt werden musste. Dann aber begann schon Anfang/Mitte der 60er Jahre der nächste Säkularisierungsschub (auch wieder mit großartigen Verheißungen, als sei nichts gewesen), der bis heute andauert. In ihm verbinden sich linke weltliche Ideologie mit weltlicher Aufklärung, postmodernem weltlichen Denken und Glauben an den Wohlfahrtsstaat. In Verbindung mit der umfassenden Verbesserung der Lebensverhältnisse, der wissenschaftlich-medizinischtechnischen Bereitstellung von Glücksgütern und Glücksgefühlen verringerte und verringert sich bis heute so die Verhaltenswirksamkeit der Religion immer mehr(allerdings gab es diese Verbesserung auch schon Anfang des 20.Jahrhunderts oder 1945-1960 oder für Katholiken bis zum Konzil oder konservative Protestanten bis heute, ohne aber dort Säkularität zu bewirken, wichtig für Säkularität ist nicht die Wohlfahrt, sondern der Glaube an den sie erzeugenden weltlichen Staat). Die Religion hatte und hat also, nachdem die Aufklärung den Anfang gemacht hatte, viele und vehemente Gegner, sie prägt die Gesellschaft nicht mehr, sozialer Druck und soziale Kontrolle wirken eher gegen sie, ihr Milieu (das z.:B. noch bis in die 60er Jahre in den Niederlanden als „Versäulung“ das Leben beherrschte) hat sich aufgelöst, ihre Tradierungsfähigkeit ist gering, ihr Image schlecht, ihr Nutzen bleibt unerkannt. Wer wenig religiöses Verhalten praktiziert, erlebt auch wenig Nutzen davon, auch bestreitet die öffentliche Diskussion eher diesen Nutzen oder kennt ihn gar nicht(z.B. thematisiert in der demographischen Diskussion niemand , dass religiöse Menschen mehr Kinder haben) und schreibt der Religion negative Wirkungen zu; manche ihrer Wirkungen sind für den einzelnen nicht erlebbar(dass Religion Kriminalität hemmt, dass sie – allerdings nicht sehr viel – glücklicher macht; – dass sie die Lebenserwartung steigert).

Ohne die Aufklärung wäre das alles nicht möglich gewesen. Es gibt kaum einen Denker der Aufklärung, der im objektiven Sinne religiös gewesen wäre – die Spannweite reicht von Atheisten(Lamettrie, Holbach, Helvetius) über Deisten(Descartes, Voltaire) zu denen, die Religion nur in den „Grenzen der bloßen Vernunft“ zulassen oder als religion civile benutzen wollen, ohne an sie zu glauben(Kant, Rousseau). Die „aufgeklärte Religion“ ist in weiten Teilen säkular: Moral und Machen ist wichtiger als Frömmigkeit(“Frömmler“, Leute die auf Frömmigkeit wert legen, sind vielmehr verdächtig und allermeist machtgierig, unmoralische Heuchler oder krank), Gott ist nicht majestätisch groß und übernatürlich, sondern ein gütiger Onkel, der alles verzeiht oder der fern und distanziert gar nicht in die Welt eingreift, teilweise ist er auch gar keine Person mehr, sondern nur eine diffuse „höhere Macht“, mit der man keine Beziehung eingehen kann. Jesus ist ein Moral-Lehrer, nicht Gott; Wunder und Übernatürliches sind inexistent(oder Betrug), die Welt – auch Gott und Religion – kann nur von Wissenschaft(aus der zweiten Art der Offenbarung, neben und über der Bibel: der Natur) und Vernunft erklärt werden (vgl. damit die Prämissen der historisch-kritischen Bibelauslegung, vorne gibt man den Atheismus, Vernunft und Wissenschaft als angeblich neutrale Basisannahmen ein und am Ende bekommt man überraschenderweise Säkularität heraus). Der Mensch ist gut, kein Sünder, er kann und wird in Zukunft alles – auch die Moral –lernen, Schuldgefühle, Beichte, Buße sind Tricks, mit denen die Kirche die Gläubigen unterdrückt oder ihnen das Geld, auf das sie es abgesehen hat, aus der Tasche zieht, alles an der Religion muss verstehbar sein und vernünftig. Vernunft-, Fortschritts- und Wissenschaftsglaube – wichtige Inhalte der Aufklärung – wirken säkularisierend (Vernunft und Wissenschaft an sich aber gerade nicht –(15)), der Glaube an die unendliche Perfektibilität des Menschen stützt die Idee, dass die Zukunft paradiesisch sein wird, das ewige Leben gibt es zwar vielleicht noch, aber es verblasst gegenüber den irdischen Freuden.

Der wichtigste Inhalt des aufklärerischen Denkens, der die Säkularisierung erst möglich macht, wurde schon erwähnt: Religion verheißt ein großes, ein umfassendes, intensives und dauerhaftes Glück, erreichbar durch eine Beziehung zu übermächtigen Hinterwelts-Wesen und deren (un)bewusste Beeinflussung durch Unterordnung oder Submissionsbindung, nicht durch eigenes Handeln allein. Die Aufklärung senkt nun den Glücksanspruch, ihre Verheißung ist nur ein „kleines Glück“(s.o. Einführung), das aber, gerade aufgrund seiner Begrenztheit, durch individuelles oder kollektives Handeln – durch Vernunft, Bildung, Wissenschaft, Technik, Politik (jetzt oder erst im Fortschritt, in der Zukunft) –als rein menschlich(und als teilweise sogar recht bequem) machbar erscheint. Die Aufklärung beschränkt damit auch den Horizont für Denken und Verhalten, verhindert Tiefe und fördert Oberflächlichkeit. Tod, Vergänglichkeit, ewiges Leben, mangelnde Intensität von Glück sind nun irrelevant, sind eben zu akzeptieren, weil natürlich; Nachdenken über großes Glück ist sinnlos(außer vielleicht mit Blick auf die mit den Augen des Fortschrittsglaubens gesehene lichte Zukunft). Heil gibt es nicht, zunächst jedenfalls. Das Bedürfnis nach großem Glück äußert sich dann jedoch wie zu erwarten bald wieder: auf seiner Grundlage entstehen aus der Aufklärung die beiden oben erwähnten Ideologien, die nun doch Heil und umfassendes Glück anbieten: allerdings innerweltlich, Fragen nach Tod und Vergänglichkeit sind auch dort immer noch tabu.

Diese Ideologien können die Aufklärung radikalisieren, weil die Machbarkeitsidee zu funktionieren scheint – in Teilen empirisch bewiesen durch den Fortschritt der Wissenschaft und die Verbesserung der Lebensverhältnisse für einige(allerdings mehr in der Wahrnehmung der Aufklärer und vor allem in ihrer optimistischen Zukunftsschau als real: die industrielle Revolution und der Kapitalismus bringen zunächst wohl eher Verschlechterungen für viele mit sich; mit Religion als Rahmen wäre dieser Fortschritt wahrscheinlich ebensogut machbar gewesen) und weil man durch noch viel bessere, weil im Einklang mit der Entwicklung der Geschichte stehende (vgl. den dialektischer Materialismus bei Marx oder die Entwicklung hin zu einem Dritten Reich bei den Nazis) kollektive politische Machbarkeit das innerweltliche Paradiese schaffen wird, vor allem weil man auch die bisher daran hindernden Faktoren erkannt hat und nun gewaltsam beseitigen kann: die Bourgeoisie/den Kapitalismus bzw. die Juden(die durch ihre zersetzenden Verhaltensweisen die arische Rasse und damit den kulturellen Fortschrittsbringer vernichten) und bei beiden Ideologien die Bekämpfung und Ausschaltung des fortschritts- und glückshemmenden Faktors Religion. Dass viele Menschen diesen Wahngebilden folgten und für sie sogar mordeten, kann wohl nur mit ihrem Bedürfnis nach großem Glück erklärt werden und der allgemeinen menschlichen Unfähigkeit, zu erkennen, was einen glücklich macht.

In der beschriebenen Aufklärungsideologie steckt (und wird in ihr im Lauf der Zeit, vor allem aber von den nachfolgenden Ideologien in Interaktion mit ihr bis heute immer mehr entfaltet)die Aufwertung von Mensch und Welt, Aufwertung seiner Macht und Kontrolle über die Welt und sein Glück, sein Heil, steckt die Gewissheit, sich selbst erlösen zu können und der Glaube, selbst autonom Gut und Böse festlegen und auch einhalten zu können,(wenn man nur gebildet genug ist und/oder in der Zukunft). Darin steckt der neue Mensch, der völlig anders ist als der bisherige alte, der sich nun aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit(in der ihn die Religion gefangen hielt)befreit hat. Das, was schon immer in ihm steckte – die Neigung zur Dominanz(mit all ihren Begleiterscheinungen – s.o.) wird nun ideologisch geadelt, als sein wahres Wesen „entdeckt“ und der Religion entgegengehalten. Deren Rede von Übermenschlichem, Übernatürlichem, Überweltlichem( das wichtiger und dauerhafter ist als die vergängliche Welt), von Gott und dessen Übermacht und der schlechthinnigen Abhängigkeit des Menschen von ihm, aber auch von der Kleinheit des Menschen, seiner Neigung zur Sünde und Bosheit, seiner Erlösungsbedürftigkeit – diese Rede ist nun als interessengeleiteter Betrug enttarnt, es gilt „can do“ und „yes,we can“, „nichts ist unmöglich“, Gott wird nicht mehr gebraucht.

3. Selbstsäkularisierung

Säkularisierung ist kein kontinuierlicher linearer Prozess, der alle Menschen, Konfessionen bzw. Denominationen, Länder oder Regionen gleichstark beeinflusst(16), die Aufklärung und die weltlichen Ideologien verbreiten sich nicht überall hin gleich stark und gleich schnell. Es gibt große Differenzen – historisch (s.o. die Rückholung im 19.Jahrhundert, vor allem bei den Katholiken, Stabilisierung immerhin bei den Protestanten; etwas Erholung und Stabilisierung im Westen nach dem 2.Weltkrieg, dagegen in den 20er/30er sowie vor allem in den 60erJahren starke Säkularisierungsschübe), je nach Religion (Katholiken erweisen sich –eine Zeitlang nach dem Tridentinum und bis zum 2.Vatikanum –in Spanien, Polen und Irland auch noch länger danach – als resistent, dazwischen nicht; konservative Protestanten in den USA und den Niederlanden sind fast bis heute einigermaßen stabil geblieben(17)) oder je nach Region ( vgl. den Süden der USA, den „bible belt“ , gegenüber dem europäisch beeinflussten Osten und Westen; in Osteuropa gibt es in einigen Staaten –Russland/Ungarn, nicht Bulgarien oder Polen – nach langer Säkularisierungszeit ein wenig an Erholung, dagegen geht die Säkularisierung in Tschechien, Ostdeutschland, dem Baltikum und Skandinavien unvermindert weiter; schwächere, aber ebenfalls sichtbare Effekte findet man bei der Differenz zwischen dem Norden und dem Süden Portugals und Spaniens, der Vendee in Frankreich schon vor der Revolution bis heute, im Süden Deutschlands gegenüber dem Norden und Osten –mehr als 100 Jahre zurück gehend; und noch kleinteiliger: der badische Kirchenbezirk Adelsheim Boxberg war und ist der Bezirk mit den meisten Kirchgängern).

Wäre Säkularisierung nur “Fremd“säkularisierung (also von außen in die Religion eindringende Weltlichkeit, bei der die Menschen einfach von der Überlegenheit der weltlichen Ideologie überzeugt werden, oder von außen die Religion zerstörender Zwang) und wäre die Weltlichkeit der Religion einfach überlegen, dann wären solche Differenzen nicht möglich, alle wären bald überzeugt oder würden sich aus Angst anpassen. Die Stärke des äußeren Zwangs kann auch kaum entscheidend sein – er war sicherlich in der DDR sehr hoch, aber in Polen oder der Sowjetunion nicht minder; er war in Skandinavien eher gering, er war und ist auch sicherlich nicht höher gegenüber den liberalen Denominationen(eher umgekehrt, vor allem die Frommen sind die Gegner, die liberalen passen sich ja an) oder vor dem Konzil schwächer und nach dem Konzil stärker gegenüber den Katholiken, auch innerhalb von bestimmten Ländern ist der Säkularisierungsdruck nicht verschieden stark je nach Religionsgemeinschaft, auch in Ländern ohne staatlichen Druck gibt es Differenzen (USA/Niederlande).

Es muss also i n der Religion Kräfte geben, die sich auch dieser kulturell angestoßenen Säkularisierung – zumindest zeitweise – erfolgreich entgegenstellen können oder umgekehrt auch solche, die sie bereitwillig aufnehmen(in all ihren einzelnen Stufen), ja sogar noch forcieren, die anfällig sind für Säkulares, die Selbstsäkularisierung betreiben (die Religion sorgt hier selbst für ihre eigene Entmachtung(18)). Fremdsäkularisierung ist ohne Selbstsäkularisierung (ohne durch sie geschaffene Anfälligkeit für Säkulares) nur begrenzt möglich(fast nur durch Zwang, intakte Religion nimmt Säkulares nicht freiwillig an, kann davon kaum überzeugt werden)– wer anfällig ist, lässt sich eher auf Säkularität ein, fällt ihrem Einfluss eher zum Opfer. Das bei diesem Prozess agierende „Selbst“ kann nun eine ganze Religion, eine Konfession, eine Denomination oder eine Teil-Gruppe(religiös definiert z.B. Evangelikale, Mönche, Jesuiten, Päpste, religiöse Schulen oder Universitäten, Theologen, Kirchentag, Diakonie, Gemeinden, Gemeindegruppen, Hauskreise oder letztlich religiöse Individuen) sein. Das ergibt einige begriffliche Probleme – vor allem sind Selbstsäkularisierer oft gleichzeitig für andere Fremdsäkularisierer – für Evangelikale ist eine selbstsäkularisierende Landeskirche zuerst einmal eine fremdsäkularisierende Bedrohung, die aber etwas andersgeartet ist als die gleichzeitigen Fremdsäkularisierungsabsichten der der Welt, auch kann es passieren, dass die evangelikale Elite selbstsäkularisierendes Verhalten zeigt und damit ihre Basis fremdsäkularisiert, wenn sie dieser säkulare Ideen einreden oder aufzwingen will. Fremdsäkularisierung ist also eher einreden oder aufzwingen von Weltlichem, Selbstsäkularisierung eher freiwilliges Akzeptieren und Weitergeben(einreden, aufzwingen) und das jeweilige Selbst muss, wenn man das Ganze untersuchen will, genau festgelegt werden.

Konfession an sich kann für die erwähnten Differenzen nicht die Ursache sein – vgl. das orthodoxe, sehr religiöse Rumänien gegenüber dem ebenfalls orthodoxen, aber wenig religiösen Nachbarland Bulgarien; vgl. die katholischen Länder Frankreich/Tschechei gegenüber dem katholischen Nachbarn Slowakei, Polen oder gegenüber Irland; vgl. das protestantische Ostdeutschland gegenüber den protestantischen USA oder Nordirland. Es muss also innerreligiöse Differenzen geben, die die Reaktionsweisen auf die Säkularisierung bestimmen.

Im Vergleich eher resistenter mit eher nicht resistenten Gruppierungen(19)zeigt sich: die letzteren begrüßen säkulare Ideen, nehmen alle oben beschriebenen weltlichen Inhalte(von „anderer Art der Religion“ bis zu Verabsolutierung/Leben ohne Religion/mit weltlicher Ideologie) in sich auf, befürworten sie, erklären sie gar zum Wesensmerkmal der Religion, kritisieren die echte Religion als illiberal, fundamentalistisch, Frömmlertum, bigott und heuchlerisch, säen und legitimieren so Zweifel und deuten Religion um zu einem weltlichen Sinnsystem ohne viel Gottesbezug/Frömmigkeit, aber mit viel weltlicher Moral und verbreiten dieses neue säkulare Pseudo-Religionsgebilde nun inner- und außerhalb der Religion. Sie verstehen sich als religiös, vertreten aber weltliche Werte und praktizieren weltliche Verhaltensweisen als wahre religiöse Werte und religiöse Verhaltensweisen, werten religiöses Verhalten ab, leben es weniger (zu Beispielen für diese weltlich verdrehte Selbstsäkularisierungs“religion“ vgl.(20)). Die andern dagegen grenzen sich explizit und bewusst ab von Welt und Weltlichem, öffnen sich dafür nicht, haben starken Glauben (lehnen Zweifel kategorisch ab) und intensive Frömmigkeitspraxis, sie haben mehr Nachwuchs, den sie auch meist erfolgreich religiös erziehen, ihre Moral ist biblisch orientiert und nicht selbstgemacht.

Modellhaft darstellbar – als ein quasi-natürliches Experiment – ist die Selbstsäkularisierung anhand der Entwicklung der katholischen Kirche, die vor dem 2. Vatikanischen Konzil resistent (und antimodernistisch, weltdistanziert )war und sich dann der Welt gegenüber öffnete, sie zu erobern , sie in sich aufzunehmen suchte – also mit der Selbstsäkularisierung begann – und danach stark an Glaubensintensität(Kirchgang, Glaube, katholische Moral, Priesterweihen, Frömmigkeitsverhalten –alles sinkt rapide) verlor und bis heute verliert. Am besten beobachten lässt sich das in den Niederlanden: dort öffneten sich die Neocalvinisten zum selben Zeitpunkt gerade nicht der Welt – und verloren danach auch nicht an Religiosität(in Polen wurde das Konzil einfach ignoriert und die Religiosität sank während des Kommunismus kaum –danach aber, mit der Befreiung und Öffnung hin zu Welt und Konzil, begann auch hier die Säkularisierung).

Überraschenderweise gibt es auch in der Politik solche Verläufe, wie Tocquevilles Analyse der französischen Revolution (21)zeigt: erst die Legitimation der Forderungen des Volkes durch die Aristokratie(und deren Denker), erst deren Selbstkritik, Reformwille(dadurch bewirkte Anspruchssteigerung und dadurch verursachte erstmalige Möglichkeit, daran zu denken, das System sei veränderbar oder gar menschenfeindlich) und Selbst-delegitimation schufen die Voraussetzungen für 1789. Tocquevilles Schluss war: wer ein autokratisches System reformieren will, um an der Macht zu bleiben, der zeigt damit dessen Illegitimität an und zerstört es so(wie es auch Gorbatschov in der Sowjetunion mit seinen Reformen passierte).

Fremdsäkularisierung ist seit der Aufklärung nun immer vorhanden, als weltliche Ideologie in Auseinandersetzung mit mehr oder weniger Aggression gegenüber der Religion. (Fast) Nur bei Anfälligkeit, geschaffen durch die Selbstsäkularisierung, passierte es aber, dass viele Menschen sich von ihrer Religion abwendeten. Religion hat es also selbst in der Hand, ob sie Säkularität aufnimmt oder nicht, sie kann sich erfolgreich wehren (vgl. auch die vielen Rückholungen in der Religionsgeschichte). Die Fremdsäkularisierung hat alleine nur begrenzte Wirkung (sie mag kurzfristig attraktiv erscheinen, längerfristig aber sieht man – vor allem als Mensch mit noch intakter Religiosität – deutlich ihre Unfähigkeit, die versprochenen Paradiese zu erschaffen und/oder man wird von ihrem Terror abgeschreckt), es sei denn, sie ist – wie beim Kommunismus beispielsweise –gewalttätig und erzwingt so den Traditionsabbruch(und senkt gar den Schwellenwert von Religiosität so weit, dass die Religion zur Schwundreligion wird, sich nicht mehr erholt und gerade mal auf niedrigem Niveau stabil bleibt), oder sie hält sich – trotz ihrer mangelnden Realitätstauglichkeit – durch Waffen und Totalitarismus länger an der Macht, um viele Generationen zu beeinflussen. Doch auch dabei ist entscheidend, ob die Religion schwach ist und dazu noch die säkulare Ideologie unterstützt – wie in der DDR – oder stark ist und das nicht tut – – wie in Polen; vielleicht ist Kooperation mit Nationalismus hier auch noch von Belang; er war in der DDR durch den verlorenen Weltkrieg diskreditiert, in Polen, der Slowakei oder Rumänien jedoch nicht, in der Tschechei aber auf der antikatholischen und damit mangels protestantischer Konkurrenz auch antireligiösen Seite. Auch in den westlichen Ländern des Wohlfahrtsstaats ist die Religion nicht mehr stark und unterscheidet sich in ihrem Programm kaum von diesem, kann also auch keine Alternativen zu ihm anbieten, säkularisiert sich selbst und wird aber auch noch vom Staat fremdsäkularisiert. Die Fremdsäkularisierung hat hier –neben den ideologischen Inhalten von 68 und postmodernem Pluralismus – noch echten Wohlstand, eine lange Friedenszeit, Gesundheit, Arbeit und hohe Sicherheit anzubieten(etwas, das die Aufklärung vor langer Zeit versprach, aber nicht einhalten konnte, etwas das auch die radikalen weltlichen Ideologien nie zustandebrachten) – Glücksgüter, menschengemacht, die es der Religion – natürlich vor allem in ihrem jetzigen Zustand –schwer machen, sich gegen die Säkularität zu behaupten. In den USA – mit vergleichbarem Wohlstand – geht das schon eher, die Wohlfahrtsstaatsideologie hat dort noch keinen rechten Fuß gefasst und kann nicht fremdsäkularisierend wirken, vielleicht auch aus der mangelnden Staatsgläubigkeit dort, die wohl auch aus der amerikanischen Spielart des individualistischen Protestantismus herrührt.

Auch hier und heute findet Selbstsäkularisierung statt- natürlich in allen Kirchen mehr oder weniger stark(vgl. (19)), leider aber nun auch schon bei den Evangelikalen.

Angesehene Leitfiguren (der Allianzvorsitzende Diener) machen Werbung für einen Linksevangelikalismus, (für das Buch von Campolo/Claiborne: Die Jesus-Revolution -mit der Berufung auf die Bibel -allerdings sehr ungenau – wird eine weltlich linke Polit-Agenda befürwortet und als evangelikal und letztlich Gottes Wort verkauft, die Schaffung des Reiches Gottes hier und jetzt, also innerweltlich – durch Politik, Sozialarbeit, Ökologie ist das Ziel, Frömmigkeitsübungen und Bibelinterpretation sind weniger wichtig); überzogene Selbstkritik häuft sich(religiöse Erziehung unterscheidet sich kaum von religiösem Missbrauch, dieser wird hochgespielt, so dass er als massenhaftes Phänomen erscheint – Giesekus); die postmoderne Religion gilt als die Religion der Zukunft, „anything goes“ somit auch innerhalb der Religion (Giesekus); an evangelikalen Ausbildungsstätten (Johanneum) wird unkritisch historisch-kritische Bibelauslegung gelehrt. Negativkritik an den Evangelikalen wird von ihnen selbst verbreitet, so als seien sie einseitige, dogmatische Leute, die nicht offen sind, denen es an Kritikfähigkeit fehlt, die Jesus nicht nachfolgen, die Bibel undifferenziert wahrnehmen(und deshalb auch nicht auf die Idee kommen, es könne mehrere gleichberechtigt wahre Auslegungen geben) und den Dialog verweigern(Diener, Giesekus); es ereignen sich Kooperation mit der weltlichsten Organisation der Kirchen, dem Kirchentag 2015 (und damit natürlich auch – trotz gegenteiliger Bekundungen –für die Öffentlichkeit die Anerkennung von dessen Positionen) und inhaltliche Anpassung an die Wissenschaftsideologie des weltlichen Staats, um staatlich anerkannte Studienabschlüsse anbieten zu können(FTH Gießen), Pluralismus als Denkrahmen (!) wird innerhalb des Evangelikalismus hoffähig (Diener in seiner Homo-Schrift, in der oben angesprochenen Werbung für das Buch der amerikanischen Linksevangelikalen Campolo/Claiborne); die Interpretation der eigentlich völlig klaren Homosexualitätsstellen in der Bibel ist nun weithin umstritten ; die Ausgrenzungs- und Isolationsfurcht oder das Karrierebedürfnis führt zu nur noch leiser, nicht mehr entschiedener, eher unhörbarer Kritik an häretischen Aussagen der Kirchenleitungen.

Bei den Katholiken hat mit dem neuen Papst wieder eine neue Runde der Selbstsäkularisierung begonnen, nachdem seine beiden Vorgänger versucht hatten, die Auswirkungen des Konzils – (an dem Benedikt selbst teilgenommen hatte, dessen negative Wirkung er aber schnell bemerkte) wieder zurückzudrehen. Barmherzigkeit und Seelsorge wird für wichtiger erklärt als biblische Regeln und Inhalte(es soll nicht mehr ver-urteilt werden, es wird aber in der Folge auch nicht mehr beurteilt, was gut oder böse ist), Sünde damit toleriert, alle sind ja nur noch Opfer der Umstände(oder von Krankheit, jedenfalls nicht mehr selbst verantwortlich und eigentlich gut), die man ändern muss, dafür aber werden Gegner dieses Kurses unbarmherzig des Amtes enthoben; es wird –durch gelenkte Umfragen –festgestellt, dass die Gläubigen sich anders verhalten, als es die Lehre fordert und gefolgert: um so schlimmer für die Lehre ! Der erste Versuch, die Lehre (zur Wiederverheiratung, zur Homosexualität )zu ändern -natürlich in Richtung Anerkennung der weltlichen Ideen darüber) – ist 2014 noch gescheitert- aber die Versuche gehen weiter. Der religiöse Dialog führt zur Religionsvermischung, wenn Papst Franziskus in Istanbul gen Mekka betet (!), die katholische Theologie scheint zur Theologie für die Armen geworden zu sein, allerdings nicht zu deren geistlichem, sondern zu ihrem materiellen Wohl. Und wie gewohnt gibt es auch überzogene Negativkritik an Internem : Der Papst ergeht sich in Beschimpfungen der Priester, also der eigenen Leute, die ihm zu fromm sind und (deshalb) zu wenig in die Welt hinausgehen.

Ein Lehrbeispiel der Säkularisierung ereignete sich beim Missbrauchsskandal: weltliche Medien übertrieben die Fallzahlen maßlos(Fremdsäk,)die Kirche geht das Problem nicht an der Wurzel – (zu viele homosexuelle Priester und 80% der Missbrauchten sind Jungs, eine offenkundige Abweichung vom Glauben – also Selbstsäk in der Kirche) an , die liberalen Katholiken(Selbstsäk) und die Weltlichen(Fremdsäk) kritisieren unisono den Zölibat und das System der Kirche als die Ursache – das Ergebnis ist eine starke Zunahme von Kirchenaustritten(also Säkularisierung).

Selbstsäkularisierung kann auf verschiedene Art passieren und wird von denen, die sie betreiben, nicht als solche wahrgenommen, oft wie im obigen, ideologisch verblendeten Sinne von außen leicht zu sehen, aber auch oft im Moment des Handelns nicht so eindeutig und offensichtlich. Denominationen können anderen schaden (Religion schadet so der Religion) –durch kurzsichtige Interessenvertretung: in Frankreich waren die Protestanten für die Revolution, die den Katholiken(die die Protestanten bis dahin unterdrückt hatten) die Privilegien nahm, aber ihnen selbst dann auch!

Oder: Katholiken als Einwanderer in die USA (gegen die protestantische Mehrheit), Neger, selbst sehr religiöse( wegen der Diskriminierung durch die Weißen) und Protestanten im Süden der USA(wegen des Bürgerkriegs) stimmten und stimmen bei den Wahlen für die Demokraten, eine Partei, die eine eher säkulare Agenda vertritt. Ebenfalls säkularisierend kann die Legitimation säkularer Obrigkeit durch Luther oder der durch die protestantische Ethik angestoßene „Geist des Kapitalismus“ (falls die Weber-These denn wirklich zutrifft) gewirkt haben, beide enthalten jedoch keine direkte Befürwortung säkularer Ideen.

Vieles an Selbstsäkularisierung wird einfach passiv, vertrauensselig und unkritisch übernommen, ohne hinterfragt zu werden, wird den noch Gläubigen von den schon Anfälligen und aktiv hin zur Selbstsäkularisierung missionierenden nahegebracht , eingeredet, als positiv vorgemacht,(die sich selbst Täuschenden täuschen auch die, die ihnen vertrauen), was bei den ersteren Anfälligkeit auslöst. Vielleicht könnte man die Selbstsäkularisierer einteilen in aktive, sich das Weltliche suchende ( vermutlich wegen der Faktoren aus 2b) und es dann als Religion verbreitende und weitergebende und eher passive, abhängige, unkritische, vertrauensselige, nicht missionarisch gesinnte, eher Aufnehmende(auch wegen 2b)-Faktoren, aber vielleicht auch teilweise von deren Gegenpolen beeinflusst- Submission, Nicht-Elite-Status, Agreeableness, aber leider gegenüber den falschen pseudo-religiösen Autoritäten). Dies sind eher Vermutungen und Beobachtungen, leider gibt es dazu, da das Selbstsäkularisierungmodell ja neu ist, noch kaum verwendbare Forschung.

Der weltliche Inhalt erscheint jedenfalls dem Anfälligen und seinem eher passiven „Opfer“ zum einen als eigentliche Religion(gegenüber den nichtweltlichen Werten und aufs Übernatürliche bezogenen Verhaltensweisen) oder wird zum zweiten als zu ihr passend, in sie integrierbar, ihr nicht schadend empfunden(Frömmigkeit und Gottesbezug können hier zunächst in Teilen unbeeinflusst bleiben) und da der religiöse Rahmen nicht mehr gilt, kann dies auch nicht mehr wie zuvor einfach mit Berufung auf diesen von anderen religiösen Vertrauenspersonen zurückgeholt werden.

Nicht jeder innerhalb der Religion unbewusst existierende falsche(nicht wirklich aus ihren heiligen Texten und Offenbarungen klar ableitbare) Inhalt wirkt auf die gleiche Weise verweltlichend: dazu muss er vielmehr einen bestimmten Bezug zu den verfolgten Zielen und Methoden bei der Erzeugung von Glück(weltlich, klein, teilweise bei bestimmten Ideologien auch groß, vor allem aber vom Menschen machbar) haben. Falsche Ableitungen aus der religiösen Offenbarung wirken nicht säkularisierend, sofern sie nicht vom Prinzip der Religion : Glück durch Hinterwelts-Wesen- abweichen; sofern sie also aus gläubiger Motivation stammen – vgl. die Idee eines biblischen Alkoholverbots –lange von Puritanern geglaubt, nicht biblisch, aber auch nicht säkularisierend wie auch die folgenden Beispiele: Ablehnung der Heidenmission (kurzzeitiger Irrtum einiger Apostel), Hexenverbrennung, Inquisition, Verfolgung der Täufer, Mariä unbefleckte Empfängnis und Himmelfahrt, Teile der Volksfrömmigkeit, päpstliche Unfehlbarkeit, orthodoxe Bilderverehrung usw -gegenüber Endzeitberechnungen, die der Mensch per eigene Vernunft und entgegen der biblischen Anweisungen macht: ihre Folge ist oft Säkularisierung bei enttäuschten Anhängern. Andere Beispiele wären: die Vorstellung, eine bestimmte Nation sei von Gott auserwählt – (bibelfremd, glücksrelevant und beim Scheitern 1918 wohl mitverantwortlich für Säkularisierungseffekte); zuviel an Bußverlangen und Höllenangst (erzeugt, da Gott nicht aufgebend, eher Depression oder Glaubensintensivierung als Abfall, während zu wenig davon, die Idee, Gott vergebe alles, ihn letztlich für irrelevant erklärt) oder Heilungsversprechungen, bei denen der Erfolg von Glaubensintensität, machbar durch menschliche Anstrengung, abhängig ist, Gott also – eine bibelferne Idee –von Menschen gezwungen werden kann: -tritt doch keine Heilung ein, kann der Glaube durchaus verschwinden.

Erst indem der Mensch sich – ob selbst bewusst und aktiv so denkend oder passiv, von andern dazu überredet – über die Bibel, über Gottes Wort, letztlich über Gottes Selbstdefinition und Offenbarung, stellt und sie beurteilt, sich aus dem religiösen Angebot das heraussucht, was ihm gefällt, statt sich von der Bibel beurteilen zu lassen(und sich damit der Offenbarung und letztlich Gott unterzuordnen) , beginnt er mit der Selbstsäkularisierung. Er bastelt sich seinen Gott und dann auch seine eigene Weltanschauung, seine Glücks-Ziele (Passive tun das mit viel Hilfe und Einfluss anderer) ohne ihn. Das sind die ersten Schritte zur Trennung von ihm.

Die Wirkung kann den Menschen lange Zeit – auch vor sich selbst – verborgen sein oder erst in der nächsten Generation stärker einsetzen(abhängig auch von andern Faktoren: sind zentrale oder eher periphere Glaubensinhalte betroffen , existiert nur eine oder schon mehrere Abweichungen, funktioniert das logische Denken des Betreffenden stringent oder lax, Verstärkung durch Vorbilder, Einfluss der Welt ) – z.B. indem man eine Mischehe eingeht(da man sie für ungefährlich hält), geschieden wird und damit die Scheidungsneigung und die Säkularität an die Kinder vererbt; indem man das Tischgebet bleiben lässt(weil das auch die andern, die man kennt, nicht praktizieren) oder als Frau berufstätig wird, Psychologie (oder Theologie an einer liberalen Universität ) studiert, sich der abhängigen Religion zuwendet, zuerst noch die Schöpfung bewahren will, dann doch letztlich die Natur und das Leben verehrt statt Gott usw. – also immer mehr mit säkularen Faktoren(s.o.) positiv in Beziehung kommt und das nicht als Religionsverlust bemerkt. Und was der eine noch an Komplexität in seinen Glauben integrieren kann, zerstört für den andern (oder bei dem, dem er es nahe bringt), schon die Stabilität seines Glaubens. Die Gabe der Geisterunterscheidung scheint wenig entwickelt zu sein, zudem gibt es in der Bibel wirklich sehr komplexe Wahrheiten, die auch unter frommen Christen umstritten sind und die die Abgrenzung gegen Weltliches ziemlich schwer machen, so dass immer wieder Säkulares (zuerst) von vielen unbemerkt in die Religion eindringen und mit ihr verwechselt werden kann –Beispiele: biblische Option für die Armen ja, vielleicht, – aber nicht im materialistischen/Marx’schen Sinn, nicht durch menschliches Machen allein, nicht gottvergessene Horizontal/Sozialreligion; „bebauen und bewahren“ ja, aber nicht ohne „untertan machen“ und vor allem nicht als nachhaltiges menschliches Machen ewiger Harmonie und natürliches dauerhaftes Gleichgewicht; Auf- und Annahme von Fremden ja, aber nicht pauschal und bedingungslos, sondern im Rahmen der eigenen Religion; Vergebung ja, aber nicht ohne Umkehr, nicht bedingungslos und ohne Gerechtigkeit(Sünde fordert keine Buße mehr, ist letztlich gleichgültig); Gewissen ja, aber nicht völlig individuell, ohne Glaubensprägung; das Reich Gottes kommt – ja, aber nicht durch die Perfektibilität und das Tun des Menschen allein; Barmherzigkeit ja, aber nicht zum Preis des Vergessens individueller Verantwortung, des Bewusstseins von Sünde und Buße, nicht mit der Vorstellung, der Mensch ist gut und nur ein Opfer oder gar krank; Gottes Verhalten widerspricht letztlich nicht der Vernunft ja, aber nicht: er ist berechenbar; Pazifismus Jesu vielleicht ja, aber nicht auf Kosten verfolgter Christenbrüder im Irak…

Eine große Rolle bei der schleichenden, unmerklichen Verbreitung der Selbstsäkularisierung spielt das gebildete religiöse Personal, um mit Max Weber zu sprechen, die religiösen Virtuosen – Theologen, Pfarrer und Priester, kirchlich Aktive, Religionslehrer. Sie kennen viel mehr an Weltlichem und dessen neueste Entwicklungen und sie denken vor, sind religiös legitimierte Autoritäten, sie lehren und überzeugen als Elite die Basis, -und sie sind erstaunlicherweise oft weltlicher gesinnt als diese – und das nicht nur heute, links, sondern auch in der NS-Zeit, rechts(22). Sie beeinflussen die noch Religiösen mit ihrer autoritativen Religionskritik, lockern deren religiöse Bindung, stützen die schon Liberaleren und stützen auch die weltlichen Ideologien und Religionskritiker, gehen denen sogar oft voraus und werden oft selber unreligiös (vgl. :Priester, die ihr Amt aufgaben, hatten schwächere Religiosität bei Amtsaufgabe und vorher(23) All das ist wohl ein Effekt der oben geschilderten Situation: wenn gesellschaftlich ein neuer Denk- und Verhaltensrahmen eingeführt wird, sind die Eliten vorne mit dabei – und natürlich die Institutionen, die sie ausbilden auch(so werden auch fromme Theologiestudenten durch das Theologiestudium selten frömmer, sondern von ihren Lehrern und der an der Uni vorherrschenden historischkritischen Methode fremdsäkularisiert: Selbstsäkularisierung der Kirche durch Fremdsäkularisierung ihres Personals durch schon selbstsäkularisiertes Personal).

Was sind nun mögliche Motive für die Selbstsäkularisierung (Aussagen darüber zu treffen, was die wirklichen, wahren Motivationen eines Menschen oder gar einer Institution für ein bestimmtes Verhalten sind, ist ein sehr schwieriges Unterfangen und es liegen auch kaum Untersuchungen dazu vor, deshalb sollte man die folgenden Aussagen nicht als endgültige ansehen, sondern als Versuche der – immerhin aber durch eigene Beobachtungen des Verhaltens und Wissen über die selbst geäußerten Beweggründe der Betroffenen – gut informierten Erkundung) ?

Einmal natürlich – wie eben gezeigt – die Tatsache, dass man schon nicht mehr ganz religiös ist und diese neue Art von „Religiosität“ weiterverbreiten will (hier ist das Selbst, das sich unmerklich säkularisiert, die Gruppe, in der das schon selbstsäkularisierte Individuum einen fremdsäkularisierenden Einfluss ausübt).

Ist einmal der religiöse Halt verloren, kann auf die Dauer vieles immer weiter ins Rutschen kommen, das weltliche Sinnsystem lässt die Welt attraktiver erscheinen, die Selbstsäkularisierung zeugt sich fort. Das kann als religiöse Motivation erscheinen: man hat ein Bewusstsein der Schuld, sich nicht genug um die Welt gekümmert zu haben, nicht offen genug ihr und den Menschen gegenüber gewesen zu sein , zu wenig auf sie und ihre weltlichen Sorgen und Ansichten gehört zu haben und will das nun ändern oder man ist neugierig auf die Welt, die attraktiv erscheint und deren Positivität von der alten Religion nicht wahrgenommen wird, wohl aber von der neuen –man beginnt also, sich immer weiter hin zur Welt entwickeln, aus subjektiver “Religions“zugewandtheit.

Ein eher pragmatisches Argument – auch subjektiv der Religion zugewandt, aber kurzsichtig und eher glaubensfern – ist die Sicherung ihrer Stellung , die religiöse Motivation zur Selbsterhaltung von Religion als Institution in Notsituationen, ohne auf Inhalte zu achten: vgl. die katholische Kirche im Dritten Reich und in der DDR – Selbsterhalt durch Unterordnung unter den Staat und gesellschaftliches Abtauchen, wo mehr an Widerstand nötig gewesen wäre, auch um die eigenen Leute vor Säkularität zu schützen; vgl. auch die heutige Zusammenarbeit der Religionen(und ihre Kooperation mit dem Staat), um sich im weltlichen System zu behaupten: wenn sie um den Preis der Einigung auf der Basis weltlicher Vorgaben geschieht, schadet sie allen Religionen, sie sind dann – um Kant abzuwandeln – Religion in den Grenzen der Weltlichkeit(vgl. Küngs Weltethosprojekt, das die Unterschiede in Moralfragen einebnen und die Frömmigkeitsdifferenzen und Glaubensinhalte gar ganz ignorieren muss, um zur Einigung zu kommen, die hier nicht etwa durch göttliche Offenbarung geschaffen wird, sondern durch menschliche weltliche Vernunft, die entscheidet, was als Ethos zu gelten hat) und auch ihr Wettbewerb untereinander würde bei dieser Zielsetzung nur hin zu mehr Säkularität führen.

Die Kooperation mit halb säkularen, aber auch halb konservativen rechten Regimen gegen noch säkularere linke (Südamerika, europäischer Faschismus in Portugal, Spanien, Österreich) wirkte empirisch nicht so sehr säkularisierend, konservatives oder nationales schwächt die Religion nicht immer(der Protestantismus, der sich in Deutschland mit den Nazis gegen die noch radikaler säkularen Bolschewiki verbündete, hatte sich allerdings mit seinem eigenen Totengräber verbündet).

Schädlich ist auch, – wie viele Ökumene-Versuche zeigen -wenn die Zusammenarbeit jegliches Profil verhindert, auf dem kleinsten Nenner basiert, die Einigung also bedeutet, Glaubensaussagen abzuschwächen oder fallenzulassen, um den andern nicht zu provozieren, Einheit also – wie im heutigen Scheinpluralismus(der dauernd die Gleichwertigkeit von Meinungen betont, aber im Widerspruch dazu alle angeblich gemeinschaftsschädlichen Meinungen unterdrückt) – über Wahrheit triumphiert. Der religiös genährte Wunsch, alle Religionen oder Denominationen mögen sich doch einigen, mögen doch ein einziges Evangelium verkünden, da es eigentlich ja auch nur ein einziges Evangelium geben kann, ist verständlich, hat aber seine Grenze bei der Wahrheitsfrage, die Versuchung ist sehr groß, Einheit über Wahrheit zu setzen (z.B. wenn man sieht, dass man als geeinte Religion natürlich gegenüber der Welt weit schlagkräftiger wäre).

Auch Irrtümer und schlechte Theologie -motiviert vom verständlichen Bedürfnis nach Beweisbarkeit von Religion(vielleicht nicht einmal für einen selbst – dann wäre es ja unsicherer Glaube-, sondern für die Anhänger, die man in ihrem Glauben abstützen will, wieder also ein religiöses Motiv) und ihrer Absicherung gegen wissenschaftliche Kritik – kommen als Selbstsäkularisierung vor: das 18.Jahrhundert integrierte die Naturwissenschaft in die Religion durch die Physikotheologie (alles in der Schöpfung ist vernünftig und gut, von Gott so gewollt, hat einen Sinn, den die Wissenschaft findet und beweist die Existenz Gottes – man hatte dabei nur den Fluch vergessen, den Gott über seine Schöpfung ausgesprochen hatte, die konnte also eigentlich nicht optimal funktionieren), erlitt damit aber –immerhin erst nach einer längeren Zeit -Schiffbruch, als sich die physikotheologischen Annahmen (z.B. wegen Naturkatastrophen, die keinen positiven Sinn ergaben und wegen Kants Widerlegung der Gottesbeweise) nicht mehr halten ließen. Das Ergebnis und schon die falsche Basis für diese Idee war: Gott war und wurde von Vernunft und Wissenschaft und ihren Ergebnissen abhängig, er existierte nun nur noch in deren Grenzen, die Wissenschaft und Philosophie wurde aufgewertet, Gott aber, der Gott der Philosophen, war – zumindest für einige – gescheitert.

Scheinbar( und subjektiv durchaus so empfunden und motiviert) religiös ist die Übernahme der Prophetenrolle, formale Religion also, aber mit weltlichem, scheinreligiösem Inhalt – was aber nur funktionieren kann, wenn schon etwas Weltlichkeit existiert, sonst würden die Betreffenden sofort bemerken, dass die Prophezeiungen nicht wirklich religiöser Natur sind. Katholische, auch öffentlich geäußerte Motivationen für die Öffnung im 2. Vatikanischen Konzil gab es vielerlei – beispielsweise das Bewusstsein, sich trotz der Feindlichkeit der Welt behauptet zu haben und nun stark genug zu sein, die Welt zu erobern, zu missionieren -eine religiöse Motivation, aber gemischt mit einer weltlichen, aus Hybris und Selbstüberschätzung geborenen. Die Deutschen Christen wollten dasselbe -auch der Welt, dem Volk nahe kommen und es missionieren, hatten also auch eine religiöse Motivation, aber eher aus Schwäche oder Demut/Schuldbewusstsein, sie hatten den Kontakt zum Volk verloren und suchten ihn nun –leider übernahmen sie dabei die völkisch-nationalistische Volksdefinition, integrierten also Völkisches in die Religion statt Religion zum Volk zu bringen. Ähnlich funktioniert das heutige objektiv halbsäkulare, aber subjektiv für fromm gehaltene katholische und protestantische Argument: die Welt ist weggedriftet, Anpassung an die neue säkulare Zeit ist nötig, um die Religion relevant zu machen, lebensfähig zu halten, man muss nah an den Bedürfnissen der Menschen zu sein, ihnen nachgehen – so integriert man auch aus missionarischer Motivation Weltliches in die Religion. Abgeschwächt ähnlich(aber nicht mit der Idee, sich an Zeitgeist und Menschengeist anpassen zu müssen) ist die Idee, man müsse die Welt, um sie für die Religion zu gewinnen, in ihrer Sprache und Form ansprechen, sie abholen, sich weltlich geben, es aber nicht sein – was schwer zu bewerkstelligen ist, aber vielleicht in einigen Fällen gelingen kann.

Eine weitere katholische (und religiöse) Motivation für das Konzil bestand darin, den stark rituellen katholischen Glauben(mit der Gefahr des leeren Rituals) auf protestantische Art zu verinnerlichen und so zu stärken, was zur Abschaffung vieler haltgebender liturgischer Formen führte, ohne dafür Ersatz durch innerliche Bindung zu bieten: die Schwächung des Katholizismus ergab sich dadurch, dass man nicht einen klaren Bibelglauben, sondern einen aufgeklärten Glauben als Basis für die innerliche Bindung vorgab(24), eine richtige Idee, aus schon ziemlich säkularen Gründen falsch ausgeführt.

Auch eine andere Methode der religiösen Reform, die als Befreiung und Stärkung gedacht war, führte zur Säkularität: die kirchliche Hierarchie gab Nonnen vor, nun selber zu denken, alles in Frage zu stellen (ähnlich wirkt auch die von vielen Wissenschaftlern als die beste ,weil angeblich vorurteilsfreie Form der Religiosität beschriebene Quest-Religion: sie will Wachstum, reife, offene bessere Religiosität, betont dabei aber die positive Rolle von Zweifel; empirisch hängt sie und der von ihr hochgehaltene Zweifel eher mit negativen Gefühlen und Religionsverlust zusammen), nicht mehr wie bisher zu gehorchen(außer natürlich diesem Denkgebot !), sich dabei aber an der Welt auszurichten – in der Erwartung, die Nonnen würden sich nun aus freiem Willen – nicht von andern abhängig wie zuvor -für ihre Religion entscheiden und die freie Entscheidung würde die Intensität ihres Glaubens erhöhen – was natürlich ein Irrtum war. Denn viele Nonnen richteten sich eben an der Welt aus und wurden säkular, man zerstörte so das alte Ordenslebens, ersetzte es aber nicht durch ein neues. Die Verwendung protestantischer Rezepte hätte gelingen können, wenn man nicht die Welt, sondern die Bibel oder den Glauben als Ziel genommen hätte(25)- wieder eine richtige Idee, wieder aus schon ziemlich säkularen Gründen falsch ausgeführt.

Nicht religiös motiviert, sondern eher schon weltlich (und auch psychologisch von mangelndem Selbstwertgefühl einer ganzen Religion her)begründet war die Konzilsidee, dass die katholischen Nachteile bei bestimmten Glücksgütern wie Bildung, Einkommen, sozialem Status, Elitenteilnahme ausgeglichen werden sollten durch Teilhabe an der Welt, um so weltlich definiertes Glück statt geistlich definiertes zu erreichen(in den USA ist das bis dato gelungen, Katholiken haben denselben Lebensstandard wie Protestanten, aber ihre Religiosität hat sich ungefähr halbiert !). Diese Motivation dürfte auch bei vielen anderen Selbstsäkularisierungsabläufen vorhanden gewesen sein – man will mitspielen, nicht ausgegrenzt, nicht isoliert sein, anerkannt, nicht einer verachteten, diskriminierten Minderheit angehören, man will in Harmonie mit der Welt leben und möglichst dominant, (einfluss)reich und wichtig innerhalb der weltlichen Gemeinschaft – nicht mehr innerhalb der religiösen – sein, deren Zuwendung ist wichtiger geworden, belonging siegt über believing. Andere menschliche Ur-Bedürfnisse , die Motivation für Selbstsäkularisierung geben, sind Sicherheits-und Genussbedürfnisse.

Es gibt nun also verschiedene Motivgruppen für Selbstsäkularisierung –

a) allgemeine menschliche Bedürfnisse wie die Vermeidung von Ausgrenzung und Isolation,

b) die bekannten Faktoren aus 2b), die bei Vorhandensein eines weltlichen Sinnsystems als etabliertem oder sich etablierenden Rahmen beginnen, säkularisierend zu wirken, indem sie die eigentlich religiösen Motivationen auf das Weltliche hin ausrichten/sie mit diesem vermischen, seine Abgrenzung dagegen aufheben. Sie können das nur in Interaktion mit dem weltlichen Rahmen – die oben gezeigten Beispiele beginnen wohl mit einer religiösen Motivation(vielleicht auch schon mit einer aus weltlichen Vorstellungen und religiösen gemischten), die aber durch bestimmte Faktoren an weltliche Ziele oder Vorstellungen angekoppelt wird . So wird aus dem, was eigentlich eine religiöse Motivation war, eine selbstsäkularisierende. Ist das weltliche System noch nicht etabliert bzw. seine Etablierung noch unwahrscheinlich, dann können sich die Gegenpole der Faktoren noch an der Religion ausrichten und zusammen mit ihr Rückholung ermöglichen; vgl.: jede Religion hat ihre Religionsbenutzer/ihr Werkzeugverhalten – Opportunisten praktizieren sie, um weltliche Bedürfnisse nach Macht, Geld, Gemeinschaft, Ästhetik zu erfüllen. Dies führt aber nur in Interaktion mit weltlichen Ideen bei weltlichem Rahmen zur Selbstsäkularisierung, andernfalls – bei religiösem Rahmen -werden sie von reassurance-Bedürfnissen, Submissionsgefühlen, von intrinsisch gelebter Religion zurückgeholt (auch erscheint es den Opportunisen logisch, nicht das zu zerstören, das man ausnutzen will) und

c)spezifisch religiöse Faktoren, wie die eben geschilderten, die die Differenzen der Anfälligkeit einzelner religiöser Gruppen für Säkularität erklären. Die Religion also kann – unabhängig von den anderen Faktoren – selbst über ihr Schicksal mitbestimmen, sie ist ein eigenständiger , kein abgeleiteter Faktor im Säkularisationsgeschehen (s.u. 4)

Unwahrscheinlich erscheint, dass die Faktoren aus 2b) auch den Hintergrund für diese religiösen Motivationen bilden (diese wären dann nicht wirklich religiös, sondern abgeleitet) – resistente Gruppen müssten mehr von den religionsnahen Ausprägungen der Faktoren besitzen, nichtresistente weniger , – und das mal konstant (jahrhundertelang wie die Amischen und Hutterer, die konservativen niederländischen und US-Protestanten), mal plötzlich wechselnd (nach 100 Jahren innerhalb von 5-10 Jahren von religionsnahen zu religionsfernen Faktoren – wie die Katholiken oder die Reformjuden ), mal längerfristig wechselnd (die USA hätten sich von 1750 ab von einer Gesellschaft mit religionsfernen Faktoren zu einer gegenteiligen entwickeln müssen). Und es gäbe jetzt religiöse Gesellschaften –also welche mit religionsnahen Faktoren – und andere; früher aber – vor 1600 oder auf der restlichen ganzen Welt wäre das nicht so, dort herrschte immer Gleichgewicht, sonst wäre Rückholung unmöglich gewesen (vgl. auch die Fälle heutiger großer Religionsdifferenzen Schweden Tschechei Vietnam vs USA, Indien Irland –sie sind nicht durch Faktorenverteilungen erklärbar).

Eher könnte (das folgende ist eher eine informierte Spekulation als eine durch umfangreiche Empirie gestützte Analyse) man bei der Erklärung des religiösen Faktors auf der einen Seite auch an intentionales Handeln der Religiösen zur Stärkung des Glaubens und zur Vermeidung von Selbstsäkularisierung denken (sie wissen, dass eine SelbstsäkularisierungsGefahr besteht, sie nehmen d i e s e biblische Botschaft sehr ernst), an bewussten Umgang mit Welt und der Gefahr, ihr zum Opfer zu fallen, an planvolle und intensiv religiös motivierte Fertilität, Mission, Milieubildung, Glaubenstradierung und –intensivierung, mehr Konsequenz, mehr Wichtigkeit des Glaubens für das Leben; eine Theologie und ein Glaubensleben, das der biblischen Offenbarung auch in komplexen Fragen näher kommt(und nicht weltlich abweicht hin zu abhängiger Religion), das richtige Maß beim Versuch, der Welt entgegenzukommen, um sie bekehren zu können(vgl. Paulus: den Juden ein Jude, den Heiden ein Heide und doch Verbreitung des christlichen Glaubens) und gleichzeitig sich von ihr klar und deutlich abzugrenzen und auf der anderen Seite – an zu wenig Vorsicht(zu wenig Bewusstsein davon, dass die Welt und ihre Ideen eine Gefahr darstellen, man erkennt hier keine biblisch begründete Priorität dafür), eher Nachlässigkeit und Selbstüberschätzung, oder der Wille, möglichst viele Menschen erreichen zu wollen; geringe Intensität von Weltabgrenzung und Wissen um die Notwendigkeit, den Glauben immer wieder gegen die Welt stärken zu müssen, schlechte Theologie und mangelhafte Geistesunterscheidung, wenig soziale Kontrolle, weniger Kinder, mehr extrinsisch Motivierte/weniger starke Wichtigkeit des Glaubens für das Leben, zu starkes Nachgeben gegenüber Ängsten vor gesellschaftlicher Isolation oder vor der Nichtvernünftigkeit und Nicht-Beweisbarkeit des Glaubens. Viele dieser Haltungen können schon Zeichen für Selbstsäkularisierung sein, können – wie oben bei den Motivationen zu sehen – sich als religiöse Motivation mit weltlicher leichter –subjektiv unbemerkt – mischen oder an sie ankoppeln)sie können sich aber auch noch innerhalb der säkularisationsresistenten Spannweite der Komplexität des Glaubens bewegen(ein abweichender Punkt kann durch starke andere Punkte ausgeglichen werden, auch die resistenten haben sicher keinen in allen Punkten perfekten Glauben), die mit der Welt auf hohem Niveau kommunizieren und sie überzeugen kann, abhängig davon, wie die Betreffenden sie konzipieren.

– Das kulturelle Sinnsystem Aufklärung und seine im Lauf der Zeit dazukommenden ideologischen Mitstreiter(Kommunismus, Nationalsozialismus, Linksliberalismus in 68er oder postmoderner Prägung) ermöglichen , wenn sie als Denk-und Verhaltensrahmen der Gesellschaft gelten oder zu gelten beginnen, sowohl Selbstsäkularisierung(die aber auch noch von religiösen Motiven abhängt) als Voraussetzung als auch Fremdsäkularisierung als Folge durch ihre Ideen und durch deren Interaktion mit den in 2b) erwähnten Faktoren

Wie aber kommt die Aufklärung zustande ? Darüber habe ich in meinem Buch(S.341-363) spekuliert – mangels gründlicher historischer Forschung zu meiner Betrachtungsweise kann ich dazu leider kaum Empirie anbieten, die historischen Quellen müssten erst mal in dieser Richtung befragt werden. Hier eine kurze Zusammenfassung:. In allen Religionen gibt es Entwicklungen hin zur Säkularität, die aber wieder zurückgeholt werden, Säkularität bleibt ein kurzlebiges, nicht die ganze Gesellschaft betreffendes Phänomen. Ursachen, Motivationen und Gegenmotivationen dazu wurden oben beschrieben. Ohne ein kulturelles Sinnsystem, das eine weltliche Art von Glücksproduktion (und damit die Chance zu stärkerer Fremd- und Selbstsäkularisierung) anbietet, bleibt Religion langfristig stabil.

Es gibt ein Syndrom, das sich als Grundmotiv, als Grundbedürfnis, als Grundverhaltensweise durch säkulare Ideologien, Fremd- und Selbstsäkularisierung und weltliche Wertvorstellungen hindurchzieht und sie prägt(s.o. –einer der Faktoren aus 2b, für Säkularisierung wohl der wichtigste, weil er glücksrelevant ist, mit der Art und Weise der Glücksproduktion zu tun hat, dem Merkmal, von dem die Stärke der Religion, des Zusammenhalts ihrer Einzelteile wie Wesenhaftigkeit, Hinterwelt, religiöse Erfahrung abhängt): die Aufwertung des Menschen ( und implizit der Welt), seiner Dominanz, moralischen Güte, Vernunft und Macht; seiner Fähigkeit, sein Glück selbst zu erzeugen und zu kontrollieren, Glücksziele selbst zu bestimmen, mit weltlichem Inhalt, unabhängig von Religion. In allen Religionen gibt es das „Werkzeugverhalten“ und das „reassurance“- Verhalten(s.o. Grundlegung). Das erwähnte Grundmotiv verschiebt nun innerhalb der Religion das Gleichgewicht hin zum Werkzeugverhalten. Gott wird nun eher berechnet und manipuliert, er m u s s das Gewünschte geben. Aber die Abhängigkeit von ihm bleibt, da nur e r das große Glück geben kann und da auch die Welt von ihm bzw. von höheren Wesen beherrscht wird, man kann sich seinen Gott noch nicht selbst konstruieren. So kommt es immer wieder zur Betonung des reassurance-Verhaltens, das die völlige Abhängigkeit des Menschen von Gott hervorhebt und in der religiösen Erfahrung auch wahrnimmt und erlebt.

Auch führt die menschliche Verhaltensstruktur immer wieder innerhalb aller Religionen zur Aufwertung der Welt. Da das Übernatürliche nichts sinnlich Wahrnehmbares ist (und damit auch schwerer zu verstehen, zu erleben ist), muss es gegenüber der spontanen, quasiautomatischen sinnlichen Wahrnehmung von Welt und Natur immer neu begründet werden – in der Deutung von bestimmten Ereignissen als Zeichen der Existenz der Hinterwelt, als bedeutungshaltig statt bloß zufällig und in außerordentlichen Erfahrungen außer- oder übersinnlicher Art und Weise, meist in veränderten Bewusstseinszuständen. Ansatzpunkte dafür sind allerdings in der „Vorderwelt“ schon existent: vieles auch i n ihr ist unverständlich, vom Menschen nicht zu begreifen oder zu kontrollieren, mächtiger als er, geheimnisvoll –„Zauber“ der in der „Entzauberung“ der Welt – s.u. – beseitigt wird, so dass als spontane Weltwahrnehmung nur rein weltliche, durch Technik erweiterte Sinnlichkeit übrigbleibt. Es mangelt fast immer an sichtbaren Beweisen, am sinnlichen Erleben der Hinterwelt. Die vordergründige Welt erscheint apriori immer als evidenter, als natürlicher und normaler als die religiöse Welt, sie hat automatisch mehr Gewicht, das Vordergründige ist zuerst einmal immer das Selbstverständliche gegen das sich jede Religion immer neu behaupten muss(vielleicht spielen hier auch noch Persönlichkeitseigenschaften – wie das sensation seeking, s.o., das Bedürfnis nach sinnlichen Erfahrungen oder die mangelnde Fähigkeit, Hinterwelt oder übersinnliche Realitäten wahrzunehmen – eine Rolle,

Die Reformation betont nun die reasssurance, die Allmacht Gottes und die Ohnmacht des Menschen, seine Abhängigkeit von ihm (das Werkzeugverhalten, das sich wieder einmal eingeschlichen hatte –man konnte durch Zahlung von Geld sein Heil kaufen; indem man das passende Verhalten praktizierte, zwang man Gott dazu, einen zu erlösen)- bald aber äußert sich auch in ihr wieder das Werkzeugverhalten und das oben beschriebene Grundmotiv, seine Basis: Aufwertung von Mensch und Welt, Ablehnung von Sünde, Buße und Gericht. Das führt dazu, dass im Arminianismus, Sozinianismus und unorthodoxen Puritanismus Ende des 16. Jahrhunderts Strömungen entstehen, die Zeitgeistnähe, Bibelkritik, Ablehnung von Erbsünde, Auslegung der Bibel durch Vernunft mit der Voraussetzung, dass die Offenbarung nicht über-oder widervernünftig sein kann, Gewissensfreiheit und Toleranz, Beteiligung des Menschen und entscheidende Rolle der Wissenschaft beim Kommen des eher diesseitig verstandenen Reiches Gottes lehren. Natur gilt nun als zweite Offenbarung, damit implizit als ewig, wohlgeordnet und harmonisch -statt als von der biblischen Offenbarung her zu verstehende gefallene Natur, die nicht ewig, sondern im Verfall begriffen ist, die Wissenschaftler suchen nun in ihr Beweise für Gottes Wirken und Existenz). Die Reformation steigert auch die Weltbezogenheit (z.B. auch durch Legitimation der weltlichen Obrigkeit, Magiebekämpfung und den „Geist des Kapitalismus“), sie konzipiert die Entzauberung der Welt. Wieder also entwickelt sich eine Interaktion von menschlichen Grundverhaltensweisen mit einem kulturell generierten Sinnsystem, wieder ist eine kulturelle Entwicklung die Voraussetzung, die kombiniert mit einer eher stärker genetisch beeinflussten Verhaltensdisposition zur „Ur-Selbstsäkularisierung“ führt(s.o. Grundlegung – die Entstehung von Religion durch kulturell konzipierte Kombination von einzelnen Verhaltensdispositionen oder die der Säkularisierung durch kulturell konzipierte Trennung).

Entzauberung nun soll hier heißen: die Welt ist kein Ort wesenhafter Mächte mehr, sie ist nicht heilig, voller Götter, Engel, Geister oder Dämonen, voll Magie oder Zauber, kein Organismus(oder selbst heilig, – was die Griechen trotz ausgeprägter Weltlichkeit an Säkularisierung letztlich hindert).Die bisher auch die Vorderwelt sichtbar beherrschenden Hinterwelts-Wesen, ihre Zeichen und Einwirkungen werden aus der Sichtbarkeit und damit letztlich auch aus dieser Welt vertrieben und stärker in die Hinterwelt verschoben(später dort immer mehr vom Menschen her definiert, ihr Eingreifen wird zwar weiterhin – abgeschwächt – behauptet, ist aber immer weniger sinnlich erfahrbar, die Welt wird zu einem naturwissenschaftlich ohne Geheimnisse restlos erklärbaren Ort) , dann immer ferner und blasser und letztlich glücksirrelevant, die Trennung der Hinterwelts-Wesen von der Glücksproduktion kann beginnen.

Der rationale Kern des Christentums(aus dem Judentum übernommen), vorher von Weltflucht und griechischer Weltheiligung verdeckt, kommt nun –in bestimmten Teilen reformatorischer Religiosität – zum Tragen und beginnt, die Welt zu bearbeiten und zu beherrschen,(empirisch, naturwissenschaftlich-experimentell, technisch), sie wird wichtig, wird zur Stätte der Bewährung, zum Ort innerweltlicher Askese(vgl die ebenfalls als Weltbearbeitung dynamisch wirkende Askese von Teilen der abendländischen Mönchskultur – die aber auch außerweltlich orientiert war und nur eine Elite beeinflusste), Welt kann durch rein menschliche Anstrengungen bearbeitet werden. Im konservativen Protestantismus ist die Welt nach wie vor ein negativer Ort, sie steht unter dem Fluch, allerdings ist ihre Bearbeitung zur Bewährung nun möglich, Bewährung in ihr ist die Aufgabe des Menschen(diese Art des Protestantismus hält sich deshalb auch bis heute ziemlich stabil). Erst die durch das oben erwähnte Grundmotiv und die menschliche Verhaltensstruktur (Aufwertung von Mensch und Welt) auf die reformatorischen Vorstellungen einwirkenden (und sie von der biblischen Wahrheit abbringenden)Verhaltensweisen verändern auch die Vorstellung von Welt: sie kann nun verbessert und zum Ort des selbstgemachten Glücks werden, sie wird dann auch als in sich positiv(und wichtiger als hinter-oder überweltliches wie das ewige Leben), dauerhaft, als geordneter oder zu ordnender harmonischer Kosmos konzipiert. Unterstützt wurde diese erste längerfristig stabile Selbstsäkularisierung durch Anleihen in der griechischen Philosophie, im Humanismus und der Renaissance, die wohl auch durch das erwähnte Grundmotiv und die automatisch weltaufwertende menschliche Verhaltensstruktur motiviert sind.

Also: Entzauberung ohne Aufwertung von Mensch und Welt bleibt ebenso stabile Religion(konservative Protestanten) wie Aufwertung von Mensch und Welt ohne Entzauberung (Griechen). Nur die Kombination von beidem – die weltlich verzerrte Entzauberung oder die entzauberte Weltaufwertung – die Welt als positiver Ort der Glücksproduktion und der Mensch als Macher sind die Vorstufe zum aufgeklärten Glücksmodell. Dieses entwickelte sich daraus langsam und natürlich in Zwischenstufen beispielsweise über zuerst selbstgemachte Hinterwelts-Wesen zu deren Entmachtung und dann Trennung von ihnen – zuerst so ,dass diese alles tun, was der Mensch will, dann dass sie fern sind und nicht mehr in die Welt eingreifen, kein Glück mehr erzeugen können, dann dass sie sich in diffuse höhere Mächte auflösen oder als letzte Hintergrundserklärungen ohne Verhaltensrelevanz noch fortexistieren, bis sie auch dafür nicht mehr gebraucht werden. Das dadurch langfristig entstehende aufgeklärte Glücksmodell bildet die Voraussetzung für die nachfolgenden, diesen Prozess prinzipiell wiederholenden, Fremdund Selbstsäkularisierungsprozesse.

Und diese Kombination gab es nun eben nur einmal, nur im Abendland, weshalb es auch nur hier eine dauerhafte Säkularisierung gab und gibt(die dann allerdings auf die ganze Welt ausstrahlte und ausstrahlt).

4. Anwendung

So weit mal die grobe Zusammenfassung meines Wissens über die Säkularisierung, also über das meines Erachtens wichtigste Problem, dem wir uns zu stellen haben und das uns alle – ob wir es bewusst wahrnehmen oder nicht – im tiefsten Kern unseres Dasein betrifft. Wer mehr dazu wissen will, wer mehr und anderes dazu weiß, der kann und sollte sich bei mir melden – vgl (1), oder sich dazu in unserem Netzwerk äußern.

Das Folgende erhebt – wie der ganze Text – keinen Anspruch auf Vollständigkeit(hier wie dort müssen viele Fragen ungeklärt bleiben, oft mangels Forschung zu Fragen, die sich erst durch Erkenntnisse des Textes ergeben und deshalb natürlich noch nicht untersucht sein können, oft auch einfach, weil ich nicht allwissend bin), es ist kein fertiges, aus den Erkenntnissen über die Säkularisierung abgeleitetes Widerstandskonzept, es kann nicht alle Rätsel lösen, alle Fragen beantworten (oder auch nur aufwerfen) , aber es kann einige Leitlinien entwickeln, die sich aus dem bisher Erarbeiteten ergeben(um doch zumindest einiges zu lernen, dazu denke ich reicht das bisher Beschriebene schon aus) und die eine erste Orientierung für die Auseinandersetzung mit der Säkularisierung geben. Das weitere wird dem Netzwerk überlassen bleiben – das Schwarmbewusstsein soll ja schließlich weit klüger sein als ein Individuum.

Religion ist – so wurde oben festgestellt – ein eigenständiger Faktor im Säkularisierungsgeschehen – sie kann sich damit anfreunden oder sich dagegen entscheiden, sie ist ihm nicht hilflos ausgeliefert und das Folgende soll dabei helfen, diese Möglichkeit des Widerstands auch ausnutzen zu können.

Wer Gemeindeaufbau und Gemeindewachstum will, wer missionarische Kirche leben will, der wird ohne solides Faktenwissen nicht auskommen. Dieses ist vor allem auch geeignet, die eigene Situation illusionslos zu erkennen und den Blick zu schärfen, die Realitäten erst einmal wahrzunehmen: das Leben in einem Land mit säkularer Agenda, , in einer Kirche(EKD/Kirchenleitungen der Landeskirchen), die sich in einem intensiven Selbstsäkularisierungsprozess befindet und in einer Gemeinschaft der Evangelikalen, in der die Selbstsäkularisierung auch schon begonnen hat. Ein Zurück zu alten Zeiten wird es kaum geben, man muss wohl, wie in Alice im Wunderland, rennen, um auf der Stelle zu bleiben. Doch um mit Hölderlin zu sprechen: Wo aber Wahrnehmung der Gefahr ist , da wächst das Rettende auch.

Faktenwissen hilft auch, falsche Wege als falsche zu erkennen – beispielsweise die SINUSMilieutheorien, die als letzte Weisheiten gehandelt werden, die aber die Säkularisierung nicht zureichend erfassen und deshalb auch keine Hilfe bei ihrer Bewältigung bieten können; oder die illusionäre Idee, sich vom Säkularisierungsvorgang einfach durch gute Gemeindearbeit abkoppeln zu können (wo doch die säkulare Agenda der Gesellschaft und die selbstsäkularisierende vor allem der Kirchenleitungen die Gemeindeglieder und die Gemeindeleitung jeden Tag vom Glauben wegzuziehen versucht), oder der Irrtum, Sparen an Pfarrstellen bzw. die Umschichtung von Finanzmitteln von den Gemeinden, von der Basis – zur Bürokratie, für „Projekte“, für immer neue rechtliche Absicherungen, für ökologische Gebäudesanierung – würde die Kirche nachhaltig absichern.Gerade dadurch sinkt die Möglichkeit, vor Ort, wo die Kirche lebt(von persönlichen Kontakten, Besuchen, Gesprächen, Kontakt mit Gleichgesinnten und Vorbildern) überhaupt noch tätig zu sein, Millionen werden verpulvert für energetische Korrektheit statt durch sie persönliche Begegnung zu ermöglichen(man kann für die Vergangenheit zeigen, dass dort wo pro Gemeindeglied mehr an religiösem Personal zur Verfügung stand, die Säkularisierung nicht stark werden konnte).

Vorsicht auch vor falschen Konzepten wie „Volkskirche“ statt glaubensbasierter Kirche(damit erlitten schon die Protestanten der Weimarer Republik Schiffbruch – die Annäherung an das Volk ergab Völkisches !), das Rezept für Mission ist nicht inhaltliche Öffnung zur Welt, ja sogar die bloß formale kann Gefahr bergen – die subjektiv so empfundene rein formale Anpassung an Weltliches(„der Köder muss dem Fisch schmecken“) schlägt schnell um in inhaltliche Leere oder Anpassung. Auch beim Starkmachen von „belonging“ darf das „believing“ nicht zweitrangig, ja nicht einmal gleichrangig sein: zuerst geht es um den Glauben, dann bildet sich daraus erst die Gemeinschaft Gleichgesinnter und Glaubender, nicht umgekehrt;- es geht nicht darum, möglichst viele Menschen in die Kirche zu bringen, egal mit welchem event, sondern es geht um Inhalte, die vermittelt werden müssen.

Und vor allem und immer wieder muss es heißen: Vorsicht vor der Selbstsäkularisierung man sollte nicht in deren Fallen tappen(s.o.3) – z.B. Übernahme von Gender-Themen (aus der Motivation heraus, Frauen besser zu behandeln), der historisch-kritischen Theologie(weil der Staat es zur Bedingung macht, staatlich akzeptierte Abschlüsse anzubieten), der aufgeklärten Religion(um nicht als Hinterwäldler oder Fundamentalist, heute schon auch als Evangelikaler zu erscheinen), der Akzeptanz von homosexuellen Verhalten(weil ja alle es tun und man nicht als homophob ausgegrenzt werden will), Übernahme von Linksevangelikalem, von Pluralismus und postmodernem „anything goes“ als Rahmen(weil die gesellschaftliche Diskussion das dauernd fordert, weil es das neueste Ergebnis weltlichen Denkens ist; Akzeptanz von Wahrheiten statt der Wahrheit Jesus, von Vielfalt und Offenheit als oberstem Wert statt von Jesus als einzigem Weg), von materiell und machbar erscheinendem Reich Gottes voller Gerechtigkeit und absoluter Gleichheit( schon als weltliche Idee eine Illusion, als geistliche aber Verführung zu falschen Zielen und Hybris), von Ökologismus, Ehrfurcht vor dem Leben statt vor Gott, vor Religionsvermischung und selbstgemachter, aus vielen Religionen und Ideologien zusammengestellter Patchwork-Religion, vor der falschen Vorstellung, Muslime seien unsere Glaubensgeschwister –es sind der Verführungen viele, es ließen sich damit etliche weitere Seiten füllen, vieles sinnvoll Erscheinende ist gefährlich. Damit man der Selbstsäkularisierungs-Verlockung nicht verfällt, braucht es gute klare und komplexe Lehre, baucht es Leute mit der Gabe der Geistesunterscheidung, und es braucht viele, vor allem auch viele einflussreiche davon.

Wichtig und richtig wäre nun (nachdem man endlich eingesehen hat, dass es ein alle betreffendes Problem ist, dass man es nicht verdrängen kann und dass es auch keine einfachen Lösungen gibt, ja dass oft noch nicht einmal das Problem – z.B. die Selbstsäkularisierung -in seinem ganzen Umfang erkannt ist) die Stärkung des Glaubens der noch Glaubenden, noch Gemeindenahen, die Weckung des Bewusstseins, dass Fremd-und Selbstsäkularisierung im Gange ist, alle betrifft und man sich inhaltlich mit ihnen auseinandersetzen muss, Zusammenführen von derart informierten, wissenden und intrinsisch Glaubenden (der Glaube bestimmt bei ihnen ihr Verhalten, in allen Lebensbereichen und Situationen, er ist ihnen das Wichtigste im Leben) zum Aufbau eines Milieus(s.o., Prägung aller Lebenszusammenhänge und Beziehungen durch den Glauben; dabei muss die Isolationsfurcht, bezogen auf die größere Gesellschaft, bewältigt werden durch interne enge Bindung, die auch die nötige soziale Kontrolle ermöglicht), das sich gegenüber weltlichen Ideen klar und eindeutig abgrenzt und sich damit auch behaupten kann(bewusst, argumentativ, auch organisatorisch, ein zugegeben schwieriges Projekt bei der heutigen Neigung zu lockeren Bindungen und der Infoüberflutung und Oberflächlichkeit). Kooperation mit der Kirche der Selbstsäkularisierer ist auf ein Mindestmaß zu reduzieren, da wir in der Umarmung mit ihnen mangels eigener innerer Stärke erdrückt, ruhiggestellt, abhängig und letztlich säkularisiert werden. Das Eindringen weltlicher Vorstellungen in dieses Milieu muss verhindert werden, was zuerst natürlich erfordert, sie, die Bedürfnisse, Irrtümer und gutgemeinten Ideen, die sie motiviere und ihre negative Wirkung zu erkennen.

Das alles hat prinzipiell Priorität, ist die vorerst richtige Art von Mission. Erst danach – wenn ein einigermaßen stabiler Kern, ein Milieu, eine Gemeinschaft Gleichgesinnter existiert, -erst wenn man stark genug ist, dann kann daran gedacht werden, intensiver nach „außen“ zu gehen, (vorher muss man wohl auch zuweilen in der Welt präsent sein, um nicht von ihr überrollt oder völlig marginalisiert werden, das aber sollten nur bestimmte resistente Gruppen wagen), zuerst einmal punktuell und sporadisch (und vorsichtig, mit dem richtigen Bewusstsein von der Gefahr, die durch die Säkularität droht, mit der Anwendung der Gabe der Geistesunterscheidung, mit dem richtigen Gleichgewicht von Offenheit und Abgrenzung), um ganz gezielt (nicht im großen Stil) schon halb oder ganz säkulare Menschen für den Glauben zu gewinnen. Andernfalls – ohne diese Sicherheit der Wagenburg, ohne den Kleinbonum-Effekt und ohne Vorsicht – überfordert man sich oder holt gerade die Säkularität herein in die Kirche. In der Wagenburg zu verbleiben mag auch attraktiv sein(und auch funktionieren – die Amischen, die Hutterer oder die orthodoxen Juden wuchsen und wachsen ohne nach außen zu gehen, ohne Mission – einfach nur durch Abgrenzung, Fruchtbarkeit und erfolgreiche Vermittlung des Glaubens an die Kinder), widerspricht aber dem Missionsbefehl und den Verhaltensvorbildern der Jünger, Apostel und frühen Christen.

Ganz wichtig im Widerstand gegen die Säkularisierung ist das Gespräch über Inhalte – mit den noch einigermaßen Gläubigen zur Stärkung, mit den Offenen, um sie für den Glauben zu gewinnen, mit den Irrlehrern, um sie durch Argumente und Aufzeigen von Widersprüchen in ihrer Haltung in Verlegenheit zu bringen,-öffentlich oder auch privat. Sinnlos dagegen ist es, Zeit und Energie zu verschwenden für Leute, die zu den Verstockten zählen. Sie von ihrer Ideologie abzubringen wird nicht funktionieren, sie werden, sobald man sie in Verlegenheit bringt, nicht etwa nachdenken, sondern den Diskurs durch Diskursverweigerungsstrategien oder administrativ, durch Ausgrenzung, Verleumdung und andere Machtmittel verhindern, sie werden freiwillig kein Gespräch über Inhalte führen. Man muss ihnen jedoch trotzdem (da gerade sie ja oft mächtig sind) öffentlich entgegentreten, wie Jesus, Paulus oder Luther – mit vielfältigen, situationsangepassten Kommunikationsstrategien oder der Etablierung von Gegenmächten .

Hilfreich ist auch das Lernen von anderen Bewegungen, die sich, obwohl sie gesellschaftlich in der Minderheit waren, behaupten oder gar gesellschaftlich durchsetzen konnten statt aus Isolationsfurcht mitzumachen oder zu schweigen(26)(oder umgekehrt: was machten die von der Säkularität ergriffenen falsch) – wie wachsen Amische, Hutterer oder orthodoxe Juden (durch Fertilität und Abgrenzung, ohne Mission,), die katholische Kirche vor dem Konzil oder die Mormonen (durch Mission, Abgrenzung, Antimodernismus und Fertilität), wie blieben konservative Protestanten stabil(durch Fertilität und erfolgreicher Tradierung des Glaubens an die Kinder, durch Abgrenzung, weniger durch Mission) – und für alle diese Gruppen gilt: die Aufrechtherhaltung des Glaubens und des Milieus hat für sie Priorität.

Wie schafften es die Romantiker, als winzige Minderheit von Künstlern, Gedanken zu entwickeln, die nach ihrer Integration in die Religion der Aufklärung Paroli bieten konnten(27), wie setzten die 68er ihre Minderheitenideologie so erfolgreich durch, dass sie heute (mit kleinen Abweichungen) die deutsche Einheitsmeinung bildet (Stichworte: Marsch durch die Institutionen, zeichenhafte Provokationen, Beherrschung der meinungsmachenden Organisationen fast bis zum Informationsmonopol) ? Wie konnte ein einzelner Trierer Intellektueller die ganze Welt mit seiner Ideologie durcheinanderbringen, wie kam ein Mönchlein aus Eisleben dazu, den Papst erfolgreich herauszufordern ?

Und: wie gelang es Jesus (mit welchen Verhaltens- und Kommunikationsstrategien) und den frühen Christen, aus einer absoluten Minderheitsposition an der Peripherie eines riesigen Reichs zu einer Religion mit Milliarden von Anhängern zu werden, was sind die biblisch legitimierten und erfolgreichen Verhaltensweisen gegen Irrlehrer und äußere Gegner ?

Wie schaffte es die amerikanische „moral majority“(schon der Begriff ist ein Teil des Erfolgs: wer nicht die zahlenmäßige Mehrheit hat, der hat dafür jedoch die qualitative, wichtigere moralische Mehrheit), christliche Moral statt beispielsweise Wirtschaft auf die gesellschaftliche und politische Agenda zu setzen, so dass Abtreibung zum politischen und wahlrelevanten Thema aufsteigen konnte ? Von ihr kann man auch lernen, dass interne Toleranz und Vielfalt (nicht aber die Ökumene der Glaubensinhalte, meist auf kleinstem gemeinsamen Nenner und auch nicht die Definition von Religionen durch ein gemeinsames „Weltethos“, beides würde Selbst- und Glaubensaufgabe bedeuten, Religion schrumpft hier auf Moral zusammen; die Schwierigkeit besteht darin, Gemeinsames zu finden, ohne sich aufzugeben) gerade im evangelikalen Bereich gefordert ist: verschiedene Frömmigkeitsstile, verschiedene Persönlichkeiten müssen kooperieren, aus diesen Gründen – oder weil jemand der Kirche der Selbstsäkularisierer nicht gefällt, bei ihr Anstoß erregt(die Anerkennung durch diese Kirche hat nur insoweit einen Sinn, als sie es erlaubt, auch in deren Raum Gegenpositionen zu formulieren , sie darf auf keinen Fall durch glaubensschädliches Wohlverhalten oder Anpassung erreicht werden), darf er keinesfalls ausgegrenzt werden, schon die Jünger und Apostel hatten ausgeprägt verschiedene Persönlichkeiten, stritten sich heftig, kooperierten aber dennoch.

Auch wirkt innerhalb des heute hier in Europa vorherrschenden weltlichen Rahmens Konkurrenz der Religionen eher negativ. Da die Menschen, die man ansprechen will , eher weltlich gesinnt sind, tendiert Konkurrenz dazu, immer mehr an Weltlichem anzubieten, um sie zu gewinnen. Aufhebung jeglicher Konkurrenz , Zusammenarbeit der Religionen bis zum Verschwimmen der Inhalte- wie heute eher üblich – ist aber ebenfalls keine Option, die Religionen einigen sich dabei, um in der Welt bestehen zu können(oder um von ihr etwas mehr Anerkennung zu bekommen als die andern), auf die Anerkennung eben der weltlichen Agenda als religiöser.

Der Fokus müsste auf den vorherrschenden falschen Rahmen gerichtet sein – man müsste versuchen, den Einfluss der Aufklärung und der mit ihr heute verbundenen Ideologien(Wohlfahrtsstaatsgläubigkeit kombiniert mit 68erIdeologie und Scheinpluralismus) als Rahmen zu begrenzen, man müsste versuchen, die Wahrheit auf die öffentliche Agenda zu setzen, mit den herrschenden Sinnsystemen darum ringen, dass Wahrheit existiert(sie selber vertreten ja auch zumindest zwei: Pluralismus und Vielfalt sind wahr und die Gemeinschaft/der Zusammenhalt ist der oberste Wert), und dass ihre „Wahrheit“ die menschlichen Grundbedürfnisse nicht wirklich erfüllen kann. Ist die Wahrheits-(und damit Glücks-)Frage wieder gestellt, kann der Rahmen wieder zur Religion hin wirken, die Konkurrenz mit anderen Weltanschauungen und Religionen kann wieder mehr an Religiosität erzeugen.

Und ganz zum Ende noch einmal: dieser Text soll keine endgültige, abgeschlossene Abhandlung sein, die man als Datei abspeichert, geistig abhakt und vergisst, er soll vielmehr wichtige und not-wendige Erkenntnisse verbreiten und neue Erkenntnisse ermöglichen. Er soll Leben entwickeln, als Anregung funktionieren, sich selber Gedanken zu machen, diese im Netzwerk einzubringen und damit einmal die Beschreibung und Erklärung von Religion und Säkularität und den Übergang von der einen zur anderen komplexer, genauer und realitätsnäher zu machen, danach aber und vor allem daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen für den Widerstand gegen die Säkularisierung , für die Entstehung einer neuen lebendigen, auf das Leben anwendbaren Texts, der zeigt wie Widerstand aussehen kann und der zeigt: Widerstand ist möglich.

5.Anmerkungen (1)

vgl. dazu Nicole Heinkel: Religiöse Kunst, Kunstreligion und die Überwindung der Säkularisierung Frankfurt/Main 2004 und Horst Fix: Religion, Wertewandel und Politik. Stein 1993 Der Text ist keine theologische, sondern eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Daran sollte er gemessen werden. Er enthält sehr viele Behauptungen, die selbstverständlich durch verschiedene Untersuchungen begründet und belegt sind: Diese alle hier aufzuführen, würde ein Literaturverzeichnis von Tausenden von Verweisen erfordern, das Ganze völlig überfrachten und den Text unleserlich machen. Wer sich allgemein über das Thema informieren will, der kann das durch die Lektüre der beiden angegebenen Bücher (Heinkel befasst sich mehr mit der Rückholung in der (Früh)Romantik, mein Buch untersucht den Säkularisierungsschub/Wertewandel in den 60er Jahren und mehr allgemein und umfassend die Säkularisierung) tun, die Literaturverzeichnisse dort geben immerhin(ca. 1000 Verweise bei mir, über 200 bei Heinkel) eine gewisse erste Orientierung. Für spezifischere Fragen wende man sich bitte an mich – e-mail: – horstfix@hotmail.com- Postadresse: Horst Fix, Bauschlotter Straße 5, 75203 Königsbach-Stein.

Der Text befasst sich mit Religion im allgemeinen, die meisten empirischen Studien dazu stammen aber aus dem Bereich des Christentums, auch wird die Säkularisierung anhand des Christentums beschrieben, da sie zuerst dort stattfand. Verallgemeinerbarkeit -und auch viele der anderen hier behaupteten Zusammenhänge andere Religionen betreffend, wird hier – mangels Forschungsergebnissen – einfach mal als Hypothese behauptet, die ganz im Popperschen Sinne nun auf ihre Falsifzierung wartet. Der hauptsächliche Sinn des Textes ist es, Material zur informierten Beurteilung unserer heutigen kirchlichen Situation zur Verfügung zu stellen.

(2)vgl. Fix, a.a.O., S. 386ff, Anm. 60 und S.401, Anm.103-111

(3) vgl. dazu Fix, a.a. O., S. 293

(4)vgl. a.a.O. S. 294ff; weitere Informationen und Erklärungen zur Wesenhaftigkeitswahrnehmung S.299f, Hinterwelt 305f, religiösen Wahrnehmung/Erfahrung 308f, zu Mysterium/Vertrauen 310f, Submission(sbindung)/Erfahrung der Übermächtigkeit 313f, Glücksrelevanz 330 f. Abzugrenzen von Religion sind auch die Begriffe von säkular/weltlich, Säkularität/ Weltlichkeit, – sie meinen – idealtypisch -alles (menschliche Denk- und Verhaltensweisen, Bedürfnisse, Ideologien und Weltanschauungen, Organisationen, Werte, Ziele, Natur usw. ), was nicht religiös ist, antireligiös oder unreligiös/religionsneutral. Vollständige Weltlichkeit ist selten, Welt enthält oft noch Religiöses, Religion wirkt in die Welt hinein(vgl. Kapitel 2a))

(5)vgl. dazu – zu sozialem Werkzeugverhalten und zu Submissionsbindungsverhalten/reassurance- Fix, a.a.O. 319-329

(6)als Beispiele unter vielen: Verlust des gesellschaftlichen Einflusses von Religion und Kirche, sinkende Häufigkeit von religiösem Verhalten wie Kirchgang, Gebet, Mitgliedschaft und Mitarbeit in der Kirche, Wichtigkeit des Glaubens im Leben, Zahl von Pfarrern, Priestern, Mönchen und Nonnen, Verringerung des Glaubens an Gott, Himmel, Sünde, Hölle, Wunder usw., Verringerung des religiösen Wissens; weniger Kasualien – vor allem kirchliche Ehe, auch Taufe und Konfirmation, nicht so stark bei Beerdigungen; Auflösung kirchlicher Milieus; Abschwächung der Wirkung/Befolgung religiös begründeter Werte, Lebensziele und Vorstellungen des Guten und Betonung „neuer Werte“)-z.B. –vor allem aus den Zeiten des Wertewandels der 60er Jahre(vgl. Fix, Teil 1)-: Machbarkeit von allem und jedem durch Politik und Staat/Staatsgläubigkeit statt Gottvertrauen statt in diesem Leben Freude und Hoffnung, im nächsten umfassendes Heil zu erstreben; Hedonismus/Konsum/Materialismus/Spaß statt Kindern; Überbewertung von Gesundheit, Aufwertung von Körperlichkeit, Sexualität, Umweltschutz, Frauenemanzipation, Abtreibung, Homosexualität, Scheidung, Mischehe, Ehebruch, Selbstentfaltung, sich durchsetzen und Autonomie gegen Autorität, Gemeinsinn und Ein/Unterordnung, Erlaubnis zur Prostitution, Pornographie (oder in anderen Zeiten bei anderen säkularen Ideologien als heute Unwerte wie Rassismus oder Klassenkampf und Diktatur, daneben aggressive Religionsfeindlichkeit) ; vgl. zum Zusammenhang Säkularisierung und Wertewandel Fix, a.a.O., vor allem Teil 1 und hier Teil 3.

(7) Fix, a.a.O., S. 296ff

(8)dies ist nur eine kleine Auswahl säkularer Versuche, die Religion in ihren Auswirkungen zu ersetzen.

(9)da es keine Länder ohne Religion gibt, ist das keine reine Messung, kein Vergleich rein säkular vs rein religiös: säkulare Menschen können in ihren Ländern immer auch von religiösen Voraussetzungen profitieren, die sie selber nicht geschaffen haben. Das könnte man auch umkehren: Religiöse profitieren von Faktoren, die die Säkularen schufen, (der Profit der Religiösen scheint aber höher zu sein als der der Säkularen, wenn man ihn am Ergebnis – den stärkeren Zufriedenheitsgefühlen – misst !)– aber derer gibt es nicht so viele, Wissenschaft, Vernunft, Fortschritt sind allermeist nicht negativ mit Religion oder positiv mit echter Säkularität korreliert). Die gemessenen Zusammenhänge gelten auch für religiöses Verhalten i n säkularen Ländern(das unabhängig vom säkularen Umfeld positiv wirkt). vgl. dazu Harold Koenig et.al.: Handbook of Religion and Health. Oxford 2012, ein Standardwerk mit Tausenden von Belegen für die Zusammenhänge von Religion mit positiven (über)lebensdienlichen Faktoren. Die Ergebnisse beziehen sich auf die christliche Religion protestantischer oder katholischer Prägung (zur orthodoxen Kirche wie auch zum Judentum gibt es nur wenige, aber im Grunde übereinstimmende Erkenntnisse), da – mit ganz wenigen Ausnahmen – diese Zusammenhänge bei anderen Religionen nicht erforscht sind. Einiges zur groben Übersicht in bezug auf den Islam bieten Harold Koenig/Saad al Shohaib: Health and 50 well-being in Islamic societies. Cham/Heidelberg 2014; auch hier scheint Religion positive Wirkungen zu haben, es gibt aber wenige Untersuchungen, oft noch dazu von denselben Forschern.

(10) Die Situation in China ist komplex, die Datenlage schlecht: zwar wächst der christliche Glaube stark, aber sein Anteil an der Bevölkerung ist noch gering; außerdem wird er gleichzeitig auch stark vom Staat behindert und diskriminiert; wie andere Religionen dort auch. Durch die bestehende soziale Situation bedingt scheint das Christentum vor allem die Benachteiligten anzuziehen, -davon wird es dort noch lange noch sehr viele geben – Wachstumschancen sind also da, aber da die Eliten antireligiös sind, sind sie auch prekär. Auch scheint der Glaube – da er die Benachteiligten anzieht(und Benachteiligung von Staats wegen bedeutet) – vordergründig negativ zu wirken: Gläubige haben einen Mangel an weltlichen Glücksgütern, sind deshalb nicht so glücklich wie der Durchschnitt, aber: ohne Religion wären sie in ihrem Negativzustand noch unglücklicher.

(11) Selbst heute gibt es Religionen, in denen Religiosität positiv mit Bildung zusammenhängt – beispielsweise die Mormonen; dasselbe galt für die Katholiken vor dem Vatikanum oder für die Christen im Mittelalter, die Reformation förderte das Lesen und die Schulen, heute aber halten die Religiösen sich(zumindest in USA) von den höheren Bildungsinstitutionen fern (da diese säkular geprägt sind) und gründen lieber eigene, das heißt: Bildung kann zu weniger Religiosität führen, stärkere Religiosität zu weniger Bildung oder ein Drittfaktor – Einkommen z.B. – ist die Ursache für die Korrelation Bildung-Religion, weil er mit beiden zusammenhängt; die Zusammenhänge sind z..T. je nach Messung verschieden – Bildung korreliert positiv mit Kirchgang, nicht signifikant mit Gebetshäufigkeit oder Glauben an ein Leben nach dem Tode, und eher negativ mit wörtlicher Bibelinterpretation, viele Korrelationen sind in verschiedenen Untersuchungen verschieden – was auf einen insgesamt schwachen Zusammenhang hinweist; wichtig ist auch, ob Bildung unabhängig von Einkommen oder Status gemessen wird, sie hängt natürlich positiv damit zusammen und: Eliten sind die Hauptvertreter des jeweiligen Rahmens – sie sind religiös in religiösen Gesellschaften, unreligiös in unreligiösen und bei Entwicklungen in die eine oder andere Richtung bilden sie meist die Avantgarde.

(12) vgl. Fix, a.a.O., S. 278f

(13) vgl. Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen 1980, S.285-314

(14) Erklärungen dafür gibt es sehr viele, aber auch immer zu jeder Gegenbelege-: Die Industrialisierung (weniger Landwirtschaft, der Kapitalismus, die Technik) – Katholiken(lange Zeit), die USA oder dort die konservativen Protestanten überstehen sie schadlos; Die Urbanisierung – (Stadt ist eher kein eigenständiger Faktor, sondern eine Ansammlung säkularisierender Verhaltensweisen, ihr Zusammenhang mit Säkularität ist gering ausgeprägt, Städte gab es lange vor der Säkularisierung, s.o.); Individualisierung/Privatisierung der Religion – es findet keine wirkliche Individualisierung im Wortsinne statt, es hat nicht– und will auch nicht – jedes 51 Individuum eine je eigene Weltanschauung, das Bedürfnis nach Individualität ist immer und überall schon da und wird auch befriedigt- es gibt eine unübersehbare Anzahl und Vielfalt verschiedener Religionen; Privatisierung ist eher von antireligiösem Zwang verursacht; (wieder ist die USA ein Gegenbeispiel: sie ist wohl einer der individualistischsten Staaten der Erde und ein sehr religiöser noch dazu; Funktionale Differenzierung –es gab früher kein einheitliches gesellschaftsumfassendes religiöses System, also kann es auch keine funktionale Differenzierung eines solchen geben; die Ursachen für den Wandel liegen bei dieser Theorie völlig im Dunkeln, und in Ländern mit weniger Trennung zwischen Religion und Staat gibt es so viel Religiosität wie in denen mit stärkerer (die Korrelationen sind nicht signifikant, vgl. Russland, Schweden -wenig Trennung, wenig Religion,;Italien wenig Trennung, viel Religion; Frankreich viel Trennung –wenig Religion; USA viel Trennung -viel Religion. Pluralismus –empirisch sind die Korrelationen zwischen der Anzahl religiöser Gemeinschaften in einer Gesellschaft und deren Religiosität nicht signifikant, – Pluralismus wirkt – wie oben erwähnt –eben nur negativ, wenn er als Rahmen gilt; Der Wohlstand/die Erhöhung des Lebensstandards – s.o. zu Reichtum, Status und Einkommen –Religion wird von Reichen zumindest genutzt zur Legitimation, sie trägt selber auch zur Entstehung des Wohlfahrtsstaats (oder gar des Wohlstands überhaupt – vgl. Max Webers Protestantismusthese !) bei, auch gibt es in jeder Epoche Eliten mit hohen Lebensstandard, die aber religiös sind , Wohlstand allein ist noch kein großes Glück; je mehr Glücksgüter selbst gemacht werden können, desto weniger würde man Religion brauchen, aber desto mehr würden auch die Ansprüche steigen und die gerade durch eigenes Machen nicht erreichbaren Glücksgüter würden wichtiger – so ist also ein leicht negativer Einfluss auf Religiosität möglich, aber das reicht kaum, um Säkularisierung in Gang zu setzen(bei der ja vor allem g e g l a u b t wird, dass man das eigene Glück selber machen kann, dass das nicht stimmt, wird ja weggedeutet); vgl. auch: es gibt arme und unreligiöse Länder neben armen und religiösen (Bulgarien neben Rumänien), es gibt reiche und unreligiöse neben reichen und religiösen – Schweden und die USA. Auch alles Bisherige – auch oft nur diffus zusammengefasst – als die Modernisierung erklärt nichts – es gibt moderne und (un)religiöse (USA/Irland/Singapur vs. Schweden/Dänemark/Tschechei) und unmoderne und (un)religiöse(viele afrikanische Staaten vs. Nordkorea/China) Gemeinschaften. Auch die These, es gäbe gar keine Säkularisierung, es gäbe nur einen Formenwandel religiösen Verhaltens – wird vertreten, sie ist aber von der Datenlage so weit entfernt, dass man sie nicht wirklich ernstnehmen kann, nur per Definitionstricks ist es möglich, sie zu „bestätigen“ – : wenn alles irgendwie „religiös“ ist , dann kann Religiosität natürlich nicht verschwinden.

(15) Interesse für Wissenschaft oder ein intellektuelles Bedürfnis, nachzudenken wirkt nicht negativ auf die Religion, sondern hat keinen signifikanten Zusammenhang mit ihr; viele religiöse Menschen finden keinerlei Widerspruch zwischen Wissenschaft 52 und Glauben; der Gegensatz Religion-Wissenschaft ist oftmals keiner – historisch waren viele Wissenschaftler gläubige Menschen, kooperierte die Wissenschaft auch immer eher mit der Religion, wurde von ihr oft gefördert als Methode, die Wahrheit der Religion sicherer zu machen. Bis zu Darwin – und entgegen dem von den Säkularisten hochgespielten „Fall Galilei“ – gab es kaum Differenzen, die danach folgenden Auseinanderentwicklungen hängen auch damit zusammen, dass aus der analytischen Wissenschaft z.B. mit Marx /den Sozialwissenschaften und Freud/der Psychologie –wertende und zwar vor allem anti-religiös wertende „Wissenschaft“ wurde; untersucht man die Zusammenhänge, dann ergibt sich: (Evolutions)Biologen, Sozialwissenschaftler und Psychologen sind die unreligiösesten, die anderen Wissenschaftszweige sind dagegen weit religiöser, oft nicht mal weniger als die Bevölkerung, innerhalb der Wissenschaft gibt es riesige Differenzen ; s.o. auch den Faktor Bildung.

(16) Modell: säkulare Werte – vgl. Anm.6 -, Ideologien und Verhaltensweisen dringen in die Religion ein und lösen deren Verhaltensrelevanz auf, die Welt wird säkularer auch durch Gesetze, die die Bevölkerung langsam akzeptiert; das religiöse Milieu wandelt sich und tradiert religiöse Inhalte nicht mehr, die Lernvorbilder, Medien und Eliten sind nun säkular und lehren die Bevölkerung Säkulares bzw. fördern dieses aktiv als Avantgarde; es gibt Folgeeffekte wie z.B. die der nicht intakten Familie (vgl oben 2b)); Status und ökonomische Interessen werden nun von der Säkularität befriedigt(Religion wandert aus der Elite aus), die soziale Kontrolle wirkt nun gegen die Religion, Wirtschaft, Politik und Recht pushen die Säkularisierung immer weiter. Falls diese psychologischen, ökonomischen und institutionellen Zwänge nicht reichen(und falls eine radikale weltliche Ideologie herrscht – nicht also z.B. in Skandinavien, wo eher der sanfte ideologische und institutionelle Zwang regiert), zwingt der weltliche Staat die noch Religiösen dazu, ihre Religion aufzugeben, sie darf nicht mehr verbreitet , ja nicht mehr (öffentlich) gelebt werden, ihre letzten Anhänger werden vertrieben oder getötet(Endstufe: Nordkorea; Pol Pots Kambodscha oder die stalinistische Sowjetunion).

(17) vgl. auch das Wachstum der Mormonen, der Amischen und Hutterer in den USA, der Evangelikalen/Pfingstler in Südamerika und Afrika, der orthodoxen Juden oder des islamischen Fundamentalismus gegenüber dem starken Rückgang der Glaubensintensität bei den südamerikanischen oder niederländischen Katholiken, bei den Reformjuden oder allgemein beim liberalen Protestantismus.

(18) vgl. Fix, a.a.O., S.113-122, 137-166,341-363

(19)stärker resistente Gruppierungen, stabil gegenüber Säkularisierung, z.T. sogar wachsend: Neocalvinisten in den Niederlanden(gegenüber den moderaten/liberalen Protestanten, die stark an Glauben und Mitgliedern verlieren, im selben Land, zur selben Zeit); Katholiken nach Trient, von ca. Anfang des 19.Jahrhunderts an bis zum 2. Vatikanischen Konzil; konservative Protestanten in den USA (mit frömmeren Verhaltensweisen – gegenüber weltlich politischen, „modernen“ Denominationen – vgl. Fix, a.a.O., S. 144f) oder in Südamerika – gerade bei den Armen, für die die 53 weltlich orientierte, sich für katholisch haltende „Theologie der Befreiung“ ja speziell ausgedacht war; stark konservative Sekten wie die Mormonen, Amischen, Hutterer; in Deutschland: das Großherzogtum Hessen(kein Kirchgangsrückgang von den 1870erJahren bis 1932!),ähnlich die Landeskirchen Hannover und Bayern -gegenüber Thüringen(später Hochburg der Deutschen Christen!) Eher weniger resistente Gruppen, instabil, Mitglieder und Glaubensintensität verlierend: „aufgeklärte Religion“ aller Zeiten, “religiöse Sozialisten“, die „Kirche im Sozialismus“ der DDR, die „Deutschen Christen“, die katholische Kirche nach dem Konzil(stillschweigende, auch etwas halbherzige Rückholversuche von Johannes Paul II und Benedikt waren wirkungslos), Teile des Klerus in der französischen Revolution(sie akzeptieren und befürworten die Revolution, die sie bekämpft)(Fix,a.a.O.,S.143); Reformjuden ab dem 19.Jahrhundert – Freude über die Befreiung aus dem Getto –bald aber „Befreiung“ von aller echten Religiosität; liberale Protestanten in USA – vom „social gospel“ bis zum Linksevangelikalismus heutzutage(Schaffung des Reiches Gottes – eher materiell verstanden- durch Perfektibilität des Menschen, Lehre und Wort sind nicht wichtig, Individualität und Emotion wichtiger); allerdings nicht wie viele liberale Protestanten Deutschlands spätere Anhänger des Nazismus (und – oft dieselben Leute oder auch rechte Protestanten, vgl. Martin Niemöller –von einer abhängigen Religion zur nächsten, – nach dem Krieg vehement linksliberal oder links), eher schon des Sozialismus (Nazis und Sozialisten haben in den USA – wohl wegen der stärkeren Religiosität dort – kaum Unterstützer, die abhängige Religion dort ist eher linksliberal von Anfang an bis heute). Integration des Weltlichen in die Religion(das Abhängigwerden der Religion) zerstört also offenbar diese langfristig. Komplex ist der Fall der Verbindung des Nationalen/Ethnischen mit Religion, sie gibt es schon seit den Anfängen religiösen Verhaltens, und sie scheint der Religion wenig zu schaden, vgl. für unser Problem: die polnische (oder irische) Art von Katholizismus profitierte sicher von der Idee, dass Polen eine katholische Identität besitzt, dass man als Pole katholisch ist(so wie als Russe orthodox). Interessant sind die Fälle Spanien(bis zu Francos Tod – lange nach dem Vatikanum II –blieb hier die Religion stabil, verlor aber danach rapide an Zustimmung, – die nationale Anbindung – vgl. die „reconquista“ und ihre Bedeutung für die spanische Identität – fehlte wohl), Slowakei(enge Verbindung katholisch-slowakisch) und Tschechei – dort wirkt Jan Hus nach – die tschechische Nation gründete sich gerade gegen den Katholizismus, aber seltsamerweise nicht auf den Protestantismus, man konnte Hus anscheinend auch nicht dem Protestantismus zurechnen.

(20) vgl. Fix, a.a.O.,S.149-163 und Anm 471, S. 229-232, Beispiele: Gebet, Glaube, Frömmigkeit, Mission, Kirchgang sind irrelevant für Religion, das Glaubensbekenntnis wird abgelehnt, negativistische Kirchenkritik herrscht vor, die Werte sind säkular, vgl. Anmerkung 6; die Kirche hat vor allem eine politische Rolle, Erlösung oder Leben nach dem Tod sind unwichtig. 54

(21) Alexis de Tocqueville: Der alte Staat und die Revolution. München 1978(Originalausgabe Paris 1856)

(22)vgl. zu Klerus, Theologiestudenten, Religionslehrern und ihrer Säkularisierungswirkung Fix, a.a.O.,S.147ff

(23)Fix, a.a.O.,S.149f

(24)Fix, a.a.O.,S.159f

(25)Fix, a.a.O.,S.161ff

(26)wichtig ist dabei die Überwindung der sog. Schweigespirale: -man nimmt wahr, dass die Gegner der eigenen Meinung in der Öffentlichkeit scheinbar in der Mehrheit sind(allerdings nur aufgrund von Medienkonsonanz und Abweichung der Medienmacher vom Bevölkerungsdurchschnitt und aufgrund der Lautstärke der Gegner), also schweigt man eher, obwohl man in der Mehrheit ist, was natürlich den Eindruck verstärkt, dass die anderen in der Mehrheit sind, was wieder neues Schweigen hervorruft usw.; Noelle-Neumann, Elisabeth: Die ‚Schweigespirale. Frankfurt/Lien/Berlin 1982 Minderheitensituation kann schwächen, kann aber auch zur Herausforderung werden, an der man wächst

(27)vgl. dazu Heinkel, a.a.O.