Tragische Irreführung im evangelischen Oberkirchenrat
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Tragische Irreführung voller Selbsttäuschungen im Kollegium des Evang. Oberkirchenrats KA
Eine bilanzierende Betrachtung, elementare Bewertung und positive Konsequenzen / R.-A.Thieke

Das religions- und gesellschaftspolitisch angelegte Projekt „Christen und Muslime“ (63 S.) kennt in der Geschichte der Evangelischen Landeskirche in Baden nicht seinesgleichen. Die Problematiken dieses kirchlichen Dokuments und des ganzen Projektes sind für Kenner der Materie schnell durchschaut. Dem ist nicht ohne weiteres so für die, die keine differenzierte Vorstellung vom „Islam“ insgesamt haben. Die Autorengemeinschaft der Oberkirchenräte ist grundlegend der Sprachfalle „Religion“ erlegen: sie geht davon aus, dass sich der Islam als Gesamtgemeinschaft religionswissenschaftlich strukturell als gleichartig einordnen lässt in die bunte Welt vieler anderer Religionen. Demgegenüber ist festzuhalten, dass es – nach dem Selbstverständnis des „Islam“ („Unterwerfung“) – nicht nur um persönliche Spiritualität und religiöse Gemeinschaft geht, sondern zugleich um ein politisches und machtpolitisches Eroberungskonzept mit historischem und exklusivem Überlegenheits-Anspruch. Diese grundlegende Prämisse spielt für die Autoren keine Rolle. Dem entsprechen dann auch die weiteren Schwächen des ganzen Projektes:

  1. Das dem Gesamtprojekt unterlegte Grundkonzept „Reziproke Inklusivität“ von Reinhold Bernhardt stellt eine moderate Form des Religionspluralismus dar, der theologisch nicht mit dem Wahrheitszeugnis der Heiligen Schrift und der reformatorischen Bekenntnisschriften vereinbar ist.
  2. Die Beschreibung der theologischen und religionswissenschaftlich zu prüfenden Inhalte des „Gesprächspapiers“ zeigt eine ausgedünnte (defizitäre) und abgefälschte Darstellung des christlichen Glaubens wie auch der islamischen Grundlagen.
  3. Der ganze Versuch des Projektes, das christliche Credo und die muslimisch-islamische Schahada auf eine gleichwertige Ebene zu stellen und gleichsam zu analogisieren, bedeutet theologisch die Preisgabe der exklusiven Bindung an das, was laut Badischer Grundordnung „alleinige Bindung“ an die Heilige Schrift und die reformatorischen Bekenntnisse meint.
  4. Das hohe Pathos, mit dem der Begriff „Dialog“ bedacht und verfolgt ist, hat die Tendenz, den eigentlichen, wahren und zentralen missionstheologischen Auftrag zu überdecken und zu verdrängen; der Kirche aber muss es bestimmend darum gehen, ihr theologisches Zeugnis in die Gespräche und Begegnungen einzubringen. Dass dies stets in „dialogischer“ Gestalt zu geschehen hat, d.h. in einer für den Gesprächspartner verständlichen und nachvollziehbaren Form, ist eine Selbstverständlichkeit. Es kann uns als Kirche keineswegs drum gehen, unsere „Dialog“-Willigkeit und -Fähigkeit dick demonstrieren zu wollen. Diese ist längst erwiesen.
  5. Im Unterschied dazu haben wir es auf muslimisch-islamischer Seite fast immer mit einem anderen Verständnis von „Dialog“ zu tun und vor allem mit einem hohen Defizit an Dialog-Kultur. Zu fragen ist: Wen haben sich die Autoren des Gesprächspapiers eigentlich genauer als islamische „Dialog-Partner“ vorgestellt und welche dieser „Dialog“-Partner werden von ihnen als repräsentativ bzw. sogar als religionspolitisch relevant betrachtet? Die Autoren des OKR-Papiers leben in dieser Hinsicht auch soziologisch in realitätsfernen Wunschträumen.
  6. Die Literatur-Angaben des Materialheftes zeigen Einseitigkeiten und hohe Defizite, wenn es darum geht, islamwissenschaftlich relevante Grundkenntnisse für die theologische sowie religionswissenschaftliche und die pastorale Urteilsbildung zu verarbeiten. (Zu den geradezu peinlichen und augenfälligsten Willkür-Akten in der Literatur-Auswahl gehört die Tatsache, dass der gute EKD-Text Nr. 86 „Klarheit und gute Nachbarschaft“ (Nov. 2006) nicht einmal erwähnt ist.) Diese Tatsache wiegt umso schwerer, als wir in Deutschland noch universitär ausgewiesene Orientalisten wie auch kirchlich-theologisch kompetente Islam-Kenner haben, die man zurate hätte ziehen können. Statt Kompetenz-Qualität sicherzustellen, haben Nicht-Fachleute im OKR sich unter hohem Aufwand einen Wunsch-Islam geschaffen, der im Sinne des „Dialog-Konzeptes“ von Rh. Bernhardt ausfallen sollte. So entstand ein Prokrustes-Bett ganz eigener Art, um sich einen guten „Dialog“ besser vorstellen zu können.
  7. Zu den Folgen der religionswissenschaftlichen Bildungsdefizite und des eigenwilligen Ansatzes im Konzept „Reziproke Inklusivität“ gehört eine Verharmlosung a.) der klassischen Gewalt-Ansätze in den normativen islamischen Glaubensquellen, b.) der Gewalt-Geschichte des Islam selbst seit den Anfängen Mohammeds in Medina und c.) zahlloser Gewaltakte in der Gegenwart. Hierzu gehört auch der Ressentiment-geladene Juden-Hass, der sich in der Geschichte des Islam mal mehr, mal weniger zeigte (und der seine Anlässe keineswegs erst in der Existenz des heutigen Staates Israel gefunden hat).
  8. Insgesamt ist ein „gut gemeintes“ Dokument entstanden, in dem Richtiges, Wichtiges, Windiges, Irreführendes und Defizitäres zusammen-gekommen ist. Statt ein verlässliches Bildungsangebot zu erstellen, das Christen zeigt, wie sie intelligent auf Muslime zugehen können, und wie für Muslime Inhalte des christlichen Glaubens verständlich zugänglich gemacht werden, ist ein Misch- und Verwirrpapier entstanden, das weder den frommen Muslimen mit solidem christlichen Zeugnis dient noch Christen verlässliche Einführung in die Breite des islamischen Denkens in all seiner Vielschichtigkeit und Janus-Köpfigkeit anbietet. Erst recht wird kein Zugang zur heutigen frommen Salafisten-Szene in Deutschland eröffnet, die schon heute die Mitarbeiter des Verfassungsschutzes hochgradig beunruhigt.
  9. Auch unter kybernetischen Aspekten ist zu bezweifeln, ob sich das Karlsruher Kollegium hinreichend Gedanken gemacht hat, was es mit diesem Projekt den zahlreichen Synodalen da zumutet: d.h. ehrenamtlichen Mitarbeitern, die ihre kostbare Freizeit für das Wohl ihrer Gemeinden und der Kirchenbezirke zur Verfügung stellen, die sich aber beim Groß-Thema „Islam“ ehrlicherweise als Nicht-Fachleute bekennen dürften und die sich wohl auch einen innerkirchlich polarisierenden Dauer-Dialog entschieden verbieten! Auch theologisch wären sie da gut beraten: als „Bürger zweier Reiche“ sehen viele Gemeindeglieder regelrechte „Religionspolitik“ und Umgang mit dem Islam eher im politisch-öffentlichen Diskurs verortet.
  10. Als positive Konsequenz aus allem legt sich im Sinne des Konzeptes „Zeugnis im Dialog“ u.a. folgender Gedanke nahe: Lassen wir ekiba-weit einstige Muslime, die zum Glauben an Jesus Christus gefunden haben, mit ihrem Zeugnis öffentlich und allerorts zu Wort kommen!

Rolf-Alexander Thieke