Warum ich mich nicht über den Jesus im Koran freue
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Das Islam-Papier der badischen Kirchenleitung behandelt unter (4) „Jesus im Koran“ und präzisiert in der Überschrift: „Gottes Barmherzigkeit in Person“. Programmatisch wird dann ausgeführt: „ Als Christinnen und Christen nehmen wir mit großer Anerkennung die Hochschätzung der Person Jesu im Koran wahr: Jesus gilt als Gesandter Gottes im Auftrag des Höchsten, begabt mit seinem Geist – in Person steht er für Gottes Segen und Barmherzigkeit für die Menschen.“ Seite 26. „Der christliche Glaube darf und soll die Hochschätzung Jesu im Koran wahrnehmen und darüber freudig staunen.“ Seite 27.

Dem widerspreche ich: Nein, ich staune nicht freudig über die vermeintliche Hochschätzung der Person Jesu im Koran und nehme sie auch nicht mit großer Anerkennung wahr, sondern ich nehme eine grundlegende und raffinierte Verfälschung von Jesus Christus im Koran wahr. In der Tat wird Jesus im Koran geschätzt, doch diese Hochschätzung dient genau der Instrumentalisierung zum Gesandten, ja zum Knecht Allahs, der nun mit voller Wucht gegen die Christen und ihren Glauben an Jesus, den Messias, den Sohn Gottes und an den Dreieinigen Gott in Stellung gebracht wird. Wie grotesk! Jesus ist nach dem Koran ein Diener Allahs und darum ein Prediger des Islams. Er wird so durch den Koran den Christen
richtiggehend gestohlen und in einen ganz anderen verwandelt. Jesus Christus als die einzigartige Offenbarung Gottes, des Vaters, wird geistlich amputiert und dann in das koranische Bild eines Propheten hineingepresst, der sich als Diener Allahs bewusst gegen die Christen wendet. Und darüber soll ich gemäß der Empfehlung des oberkirchenrätlichen Papiers freudig staunen? Das ist wirklich erstaunlich!

Wie diese koranische Verwandlung von Jesus, dem Sohn Gottes in einen
islamischen Propheten in der Praxis der „interreligiösen Begegnung“ vollzogen wird, macht das Bild aus Jerusalem deutlich. Ich war vor wenigen Wochen in Israel und stieß direkt gegenüber der Grabeskirche, also dem
christlichen Heiligtum in Jerusalem auf dieses Transparent an der Omar-
Moschee (benannt nach dem muslimischen Eroberer Jerusalems 637 n. Chr.) und damit auf Jesus im Koran. Gemäß dem badischen Oberkirchrat und seines Islamverständnisses hätte mich diese Beobachtung in große Anerkennung und freudiges Erstaunen versetzen sollen.

Es tat es aber nicht. Ich war nicht freudig bewegt über die koranische Hochschätzung unseres HERRN Jesus Christus, ganz im Gegenteil, ich war entsetzt über die Unverschämtheit, mit der unter der Fahne des islamischen Glaubensbekenntnisses die Christen hier im Zentrum ihres Glaubens hemmungslos enteignet werden, während der Islam ohne wenn und aber sich als die einzig richtige Religion mit der einzig richtigen Wahrheit versteht und darstellt. Und das Ganze geschieht in unmittelbarer Nachbarschaft zur christlichen Grabeskirche. Ist das der islamische „Inklusivismus auf Gegenseitigkeit“, „die Weggemeinschaft“, von denen das Islampapier so begeistert spricht? „In gelingender Weggemeinschaft sind mithin die Wandernden bereit und willens, sich gegenseitig Wahrheit zu gönnen, und sind alle Beteiligten wechselseitig Staunende und Lernende über die Offenbarungsschätze des bzw. der je Anderen.“ Seite 13. Es ist spürbar – das oberkirchenrätliche Islampapier ist von einem penetranten Harmoniestreben zwischen Islam und Christentum durchströmt, das ständig die Aura beschwört und verbreitet, der interreligiöse Dialog mit dem Islam sei für uns Christen ein rein innerfamiliäres Gespräch. Wir seien doch in guter „synodaler Gemeinschaft“ miteinander unterwegs, weil wir uns im Grundlegenden und Wesentlichen – eben in „Gott als Allerbarmer“ – ja schon einig seien! Wir müssten einfach bei dem wenigen noch Unklaren und Unterschiedlichen wertschätzend und entdeckungsfreudig miteinander umgehen, auf alle exklusiven Wahrheitsansprüche verzichten und einfach dem anderen auch Wahrheit zutrauen, dann würde sich alles schon wunderbar finden.

Diese innige Sehnsucht nach religiöser Harmonie verklärt ungemein die islamische Präsenz in unserer Kultur und unterdrückt im Gegenzug die kritische oder gar streitbare Auseinandersetzung. Bei so viel Konsens und Freundlichkeit ist es natürlich einfach über die guten Seiten des Islams und über die große kulturelle und religiöse Bereicherung zu sprechen, die in der Begegnung mit ihm zu entdecken sind. Und indem man dies tut, ist man für die guten Dinge in unserer Gesellschaft, für Offenheit, Toleranz und Diversität. Dagegen die negativen Seiten der islamischen Präsenz und des politischen Islams zu sehen und sie öffentlich und kontrovers auszusprechen, ruft sofort den Vorwürf des Bösen, also des Rassismus und der menschenfeindlichen Instrumentalisierung einer großen Religion des Friedens auf den Plan. Wenn dies landeskirchliche Bekenntnis-Norm wird, und das Islampapier des Oberkirchenrats treibt genau dahin, dann wird jede kritische Sicht des Islams zu einem unmoralischen, ja verwerflichen Akt der Friedensstörung und der Spaltung der Gesellschaft, dem innerkirchlich sofort die rote Karte gezeigt wird.

„Viel zu entdecken wird es geben für Christen und Muslime unterwegs im Gespräch über Jesus und Mohammed, lehrend und wirkend im Namen Gottes des Allerbarmers. Bei aller Unvergleichbarkeit und Asymmetrie dieser beiden im Blick auf die jeweilige Glaubenswelt bei Christen und Muslimen ist doch festzuhalten: Jesus und Mohammed können in je eigener Weise als zeichenhafte Vergegenwärtigungen der Barmherzigkeit Gottes verstanden werden.“ Seite 28

Ohne Zweifel – hier pulsiert das ideologische Herz dieses Papiers. Die „Barmherzigkeit Gottes“ ist das basale Einheitskonstrukt, das Christentum und Islam integriert und zur familiären Weggemeinschaft werden lässt. In dieser Weggemeinschaft (synodaler Gemeinschaft!) sind nun auch Mohammed und Jesus originelle Repräsentanten dieser einen Barmherzigkeit Gottes und beide verdeutlichen zugleich je auf ihre Weise die reiche Vielfalt dieser göttlichen Barmherzigkeit.

Was hier so scheinbar gewinnend mit der „Barmherzigkeit Gottes“ religiös geklammert wird, führt im Rahmen der „lernenden inklusiven Weggemeinschaft“ dazu, sich dem islamischen Gottes- und Offenbarungsverständnis immer mehr anzunähern und den Abstand zu Jesus Christus dem Sohn Gottes, dem Richter und Erlöser der Welt, immer mehr zu vergrößern; von einem lebendigen missionarischen Verständnis des christlichen Glaubens innerhalb des interreligiösen Verständnisses – trotz gegenteiliger Beteuerungen – ganz zu schweigen. Das braucht es ja auch nicht in dieser wunderbaren innerfamiliären Weggemeinschaft von Christen und Moslems.

Der koranischen Jesus, der einen dienenden Platz unter Mohammeds Autorität, dem Siegel der Propheten, einnimmt, wird zum Inbegriff der Kompatibilität des moslemisch gereinigten Christentums mit dem Islam. So fördert dieses toxische Islampapier mit seiner christologischen Entkernung die Selbstislamisierung des christlichen Glaubens unter der Fahne des „Allerbarmers“.

Dass der landeskirchliche Protestantismus auch wohltuend anders sprechen kann, hat die EKD mit ihrem Islam-Papier aus dem Jahr 2006, also gerade erst vor 12 Jahren gezeigt. Ganz anders als das badische Papier äußert sie sich hier nicht harmonievernebelt und gierend nach islamischer Anerkennung sondern realistisch und im biblischen Sinne klar und wahrhaftig, verbindlich und zugleich konfrontativ sowohl in der theologischen Selbstwahrnehmung als auch im Blick auf den Islam:

„So wertvoll die Entdeckung von Gemeinsamkeiten im christlichen und muslimischen Glauben ist, so deutlich werden bei genauerer Betrachtung die Differenzen. Die Feststellung des „Glaubens an den einen Gott“ trägt nicht sehr weit. Der Islam geht von einem eigenen Glauben und Gottesbild aus, auch wenn er auf die Bibel und ihre Lehren verweist. Deren Darstellungen ordnet er seiner neuen Lehre unter, die weder die Trinitätslehre noch das Christusbekenntnis noch die christliche Heilslehre kennt. Die evangelische Kirche kann sich jedoch bei ihrem Glauben an Gott in Chrisrus nicht nur mit einer ungefähren Übereinstimmung mit anderen Gottesvorstellungen begnügen. Glaube ist nach christlichem Verständnis personales Vertrauen auf den Gott der Wahrheit und Liebe, der uns in Christus begegnet. Am rechten Glauben entscheidet sich nach Martin Luther geradezu, wer für die Menschen überhaupt „Gott“ heißen darf. Woran der Mensch sein „Herz hängt“ das ist sein Gott (vgl. Luthers Großer Katechismus). Ihr Herz werden Christen jedoch schwerlich an einen Gott hängen können, wie ihn der Koran beschreibt und wie ihn die Muslime verehren. Dieses Ergebnis ist zugleich richtungsweisend für die Frage der gemeinsamen Gottesverehrung“. Aus „Klarheit und gute Nachbarschaft, Christen und Muslime in Deutschland“ eine Handreichung des Rates der EKD, 2006, EKD Texte 86, Seite 18/ 19.

Noch ein anderes Bild aus Jerusalem ist mir wichtig, weil es uns präzise die notwendige hermeneu-tische Klarheit erschließt: Auf halber Höhe des Ölbergs steht die Kirche „dominus flevit“. Sie eröffnet einen wunderbaren Blick auf Jerusalem und besonders auf den Tempelberg mit dem Felsendom.

Genau in der Mitte dieser Blickrichtung auf die goldene Kuppel des islamischen Felsendoms steht das Altarkreuz dieser Kirche. Und genau so ist es! Wir Christen schauen auf die (durchaus prächtige und beeindruckende) Realität des Islams, indem wir zuerst auf das Kreuz und damit auf die Wahrheit des gekreuzigten und auferstandenen HERRN Jesus Christus schauen. ER selbst, Sein Weg, Seine Wahrheit und Sein Leben – und nicht der Jesus im Koran! – eröffnet uns den Verstehensraum, in dem allein ein ehrliches interreligiöses Gespräch mit Muslimen und eine aufrichtige und faire Begegnung mit dem Islam geschehen können.


von Burkard Hotz