Stellungnahme zum neuen Evangelischen Gesangbuch
Der ›Bekenntniskreis Baden‹ (›BKB‹) beklagt mit Blick auf die geplante Einführung eines neuen Evangelischen Gesangbuchs (›nEG‹) die restriktive Politik bei der Verteilung des Erprobungsbandes an ausgewählte ›Erprobungsgemeinden‹. Für andere Interessierte – Pfarrkapitel, Kantoren, theologische Gemeinschaften und den weit überwiegenden Teil der evangelischen Kirchengemeinden in Deutschland – erwies es sich als schwierig bis unmöglich, an den Erprobungsband auch nur heranzukommen. Stellungnahmen ließen sich über die vorgesehene digitale Rückmeldeplattform ohnehin nicht abgeben.
Der Erprobungsband selbst enthält nur eine kleine Auswahl der Lieder, Liturgieentwürfe, Zwischentexte etc., allerdings nicht einmal eine Gesamtübersicht der vorgesehenen Lieder. Zum Ende der Erprobungsphase wurde die EKD-Seite ›mitsingen.de‹ frei-geschaltet, so dass nun die vorläufige Liederliste vollständig einsehbar ist. Allerdings ist bisher nur ein Teil der Lieder auf der Homepage mit Text und Melodie veröffentlicht, die Zwischentexte aus dem Erprobungsband fehlen dagegen ganz.
Wer sich mit dem Projekt ›nEG‹ befassen möchte, kommt nicht darum herum, umfangreich zu recherchieren – und bleibt trotzdem auf einem bescheidenen Wissensstand. Nach Presseinformationen sollen z.B. agendarische Vorschläge für die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und Ehescheidungen im neuen EG enthalten sein – wo sind diese aktuell zu finden? Welche theologischen und kirchenrechtlichen Grundlagen haben diese Vorschläge?
Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die schlechten Informations- und Beteiligungs-möglichkeiten von den Verantwortlichen gewollt sind, um eine kritische Auseinander-setzung mit diesem Werk, das für die nächsten 30 Jahre das kirchliche Leben prägen soll, im Vorfeld auszuschließen. Dies widerspricht jedoch eklatant dem evangelischen Prinzip der Gemeindekirche und dem allgemeinen Priestertum der Gläubigen und wird der Bedeutung des Singens im Gottesdienst nicht gerecht.
Der ›Bekenntniskreis Baden‹ konnte nun für diese seine Stellungnahme nicht auf den Erprobungsband für das ›nEG‹ zurückgreifen, sondern war auf indirekte Informationen und auf ›mitsingen.de‹ angewiesen.
Zunächst aber fragen wir, ob ein ›nEG‹ dringend erforderlich ist — zumal in einer Zeit, in der aus demographischen Gründen und bedingt durch die anhaltend hohen Zahlen der Kirchenaustritte die Kirchensteuermittel weniger werden. Viele Gemeinden geraten dadurch in erhebliche finanzielle Engpässe, so dass sie fürs ›nEG‹ kaum die nötigen Finanzmittel werden aufbringen können. Wir fragen also: »Wer kann das bezahlen, wer hat so viel Geld?«
Verschiedene Inhalte befremden, irritieren, entsetzen wohl nicht nur uns. Lösen gar Missmut und Verärgerung aus. Manches gar mutet häretisch an, anderes mythologisch. Wo bleibt die bibelorientierte christliche Theologie, die sich gerade auch dem Judentum verpflichtet weiß? Wird sie durchgängig durchgehalten? Oder teilweise ignoriert? Auffällig erscheinen uns Anleihen an eine queer-feministische sog. ›Theologie‹ – wenn z.B. Psalm 19 gendergerecht dargeboten wird, wobei GOTT mal männlich, mal weiblich, mal gegendert präsentiert wird. Der Schlussvers: »Ewige, mein Fels und mein Erlöser«. Was für eine Entstellung! Ist der Diabolos da nicht mächtig am Werk? Und wie steht es – nur einmal angenommen – ums geistliche Urheberrecht?
Man vergleiche Psalm 130 in der Luther-Fassung und in der Übertragung: Was für gravierende Entstellungen tun sich da auf! Man möchte aufbegehren!
Kritik verdienen mehrere Lieder, beispielsweise ›nEG‹ 165 – 168 – 178 — andererseits Carola Moosbachs Begleittext: »Gottflamme Du Schöne« (S. 354). Nicht zuletzt erfährt die Segensbitte: »Es segne und behüte uns der barmherzige GOTT: Vater, Sohn und Heilige Geisteskraft« – feministische Umdeutung. Man spürt die Absicht und reagiert verstimmt. ›GOTT‹ wird im Sinne einer Zivilreligion allgemein formuliert, die Gottesanrede ›HERR‹ weicht radikal-feministischen Interessen.
Kritik verdient so auch das folgende Lied für die Passionszeit:
»Kostbar war der Moment, als sie das Haus betrat, das Salböl in den Händen, um Liebe zu verschwenden. Kostbar war der Moment. Gepriesen, was sie tat!
Kostbar war der Moment, als sie mit leichtem Gang die Mauer der Bedenken durchschritt, um Trost zu schenken. Kostbar war der Moment. Für sie ein Lobgesang!
Kostbar war der Moment, als sie das Siegel brach und Duft das Haus erfüllte, sie zärtlich Ängste stillte. Kostbar war der Moment. Erinnerung wirkt nach.
Kostbar war der Moment, als Jesus sie bewahrt, sie schützte und sie ehrte, als sie sein Danke hörte. Kostbar war der Moment, als Gott den Raum betrat!«
Ebenso das Loblied auf die ›Geistin‹ zum Pfingstfest:
»She sits like a bird, brooding on the waters,
Hovering on the chaos of the world’s first day;
She sighs and she sings, mothering creation,
Waiting to give birth to all the Word will say.
She wings over earth, resting where she wishes,
Lighting close at hand or soaring through the skies;
She nests in the womb, welcoming each wonder,
Nourishing potential hidden to our eyes.
She dances in fire, startling her spectators,
Waking tongues of ecstasy where dumbness reigned;
She weans and inspires all whose hearts are open,
Nor can she be captured, silenced or restrained.
For she is the Spirit, one with God in essence,
Gifted by the Saviour in eternal love;
She is the key opening the scriptures
Enemy of apathy and heavenly dove.«
Als äußerst problematisch und befremdlich aufstößt wohl nicht zuletzt die Pervertierung des Paul-Gerhardt-Liedes (EG 448): »Lobet den Herren alle, die ihn ehren …«
»Lobet die Eine, die uns stärkt und tröstet /
die nach uns ruft und treu sich an uns bindet!
Laßt uns mit Freuden ihren Namen singen:
Gott sei gepriesen!
Lobet die Flamme, die auch uns entzündet /
leuchtende Weisheit sprühe Deine Funken!
In neuem Licht soll uns Dein Name glänzen:
Gott sei gepriesen
Lobet die Quelle, die auch in uns sprudelt/
Wasser des Lebens, laß die Erde grünen!
heilendes Strömen, Brunnen aller Liebe:
Gott sei gepriesen.«
Da uns ja nun kein Erprobungsband für das neue Gesangbuch vorliegt und wir nur auf wenige Informationen zurückgreifen können, stellen wir hiermit folgende Fragen:
⦁ Werden die bekannten ›Klassiker‹ an Advents- Weihnachtsliedern, Oster- und Pfingstlieder oder Klassiker wie »Jesus Christus herrscht als König« noch unverändert und unangetastet angeboten, so wie es die Gemeinden seit Jahren kennen und lieben?
⦁ Dieselbe Frage gilt für Klassiker wie 302, 321, 322, 324, 331, 316/17, 361, 396, 398 und viele andere mehr. Finden wir diese Lieder noch so vor, wie wir sie kennen und lieben und sie der Lieddichter gewollt und gedichtet hat – oder ist hier auch mit bösen Überraschungen und ›feministischen Entstellungen‹ zu rechnen?
⦁ Welche der gängigen und klassischen Passionslieder werden wir noch im neuen Gesangbuch finden, und zwar unangetastet?
⦁ Bleiben die bekannten Eingangspsalmen für den Eingangsteil des Gottesdienstes in der bekannten und geläufigen Version (Lutherübersetzung) erhalten – oder verbreitet sich, was an der seltsamen Bearbeitung von Psalm 130 zu beobachten ist, über große Teile des gesamten Psalmenanhangs eine höchst fragwürdige Art neuer Überarbeitung? Bleibt diese Art banaler und feministischer Bearbeitung eine Ausnahme oder wird sie zur Regel?
Wir halten ein neues Gesangbuch für überflüssig und finanziell eine Zumutung, zumal wir mit dem blauen Anhang auch sehr gut mit modernen Liedern ausgestattet sind. Wenn aber doch ein neues Gesangbuch kommt, hoffen wir, dass es nicht Gemeinden, Predigerinnen und Prediger, Kirchenmusiker und Kirchenmusikerinnen in Gewissenskonflikte bringt. Denn was wäre, wenn sich Gemeinde außerstande sähe, mit dem neuen Gesangbuch zu arbeiten und zu leben?
Schlussfolgerung:
Eines solchen ›nEG‹ bedarf es nicht. Davon kann man / frau sich nur distanzieren. Die dafür veranschlagten Geldmittel lassen sich bestimmt sinnvoller anlegen.
Die zuständigen Gremien in der EKD und die Mitglieder in den liturgischen Kommissionen der EKD-Gliedkirchen sind aufgefordert, den Auftrag zur Erstellung eines ›nEG‹ zurückzunehmen bzw. zurückzugeben. Das bisherige ›EG‹ kann seine Dienste durchaus weiterhin leisten und muss wahrlich nicht ersetzt werden.
Für den Bekenntniskreis Baden: Pfarrer em. Dr. Hans-Gerd Krabbe
